Von Rolf Michaelis

Er hatte das Gefühl, er sei ausgerutscht und könne sich einfach nirgends mehr festhalten." Der dies als sein Lebensgefühl empfindet, ist Angestellter in einer Fabrik für Zahnersatz, vierundvierzig Jahre alt, hat wachsende Schwierigkeiten mit Firma, Familie, Frauen und mit sich selber, wohnt im süddeutschen Ravensburg auf einem Berg mit dem Symbolnamen Galgenhalde, heißt Franz Horn und ist Hauptfigur im neuen Buch von –

Martin Walser: "Jenseits der Liebe", Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1976; 176 S., 20,– DM.

Franz Horn, der Ausrutscher, der "Vollversager", wie er sich im Todestraum von seinem Chef bezeichnet hört, ist ein jüngerer Bruder von Josef Georg Gallistl. "Ich bin überfordert, das ist klar" – mit dieser Einsicht, zu der auch Franz Horn kommt, beginnt Walsers vor vier Jahren erschienener Kurzroman "Die Gallistl’sche Krankheit".

Damals, vor einem halben Jahrzehnt, hatte Walser, der in dieser Woche neunundvierzig Jahre alt wird, noch die Kraft, seine Diagnose Gallistls, die zu lesen ist auch als Krankengeschichte der bundesdeutschen Gesellschaft, in das utopische Schlußkapitel münden zu lassen: "Es wird einmal." Der darunter leidet, ständig mehr leisten zu müssen, als er kann, und der diese Krankheit auch an anderen feststellt, sucht Heilung in der Gemeinschaft neuer Freunde: Der unheilbar an Individualismus erkrankte Gallistl vertraut sein wundes Ich dem sozialistischen Patienten- und Gesundbeter-Kollektiv der Kameraden mit den Märchennamen Pankraz Pudenz, Qualisto Queiros oder Tanja Tischbein an – und schon tun sich die Pforten auf, wenn nicht ins rote Paradies, so doch ins rosa Idyll.

Ist diese Tür, die in literarische Steppe, aber doch in eine politische Richtung führte, jetzt zugeschlagen? Hat Walser, ein Schriftsteller, der es – nicht nur als Publizist – mit demokratischem Sozialismus ernst meint, diese Hoffnung aufgegeben? Sieht Martin Walser, der mit der DKP mehr als nur sympathisiert hat, nach der "Befreiung" Vietnams, die er gefordert hat, als dies in der Bundesrepublik noch nicht populär war, links keinen Weg mehr? Glaubt Walser, der als Gast beim V. Sowjetischen Schriftstellerkongreß auftreten und im Zentralorgan des Schriftstellerverbandes schreiben durfte, der nach Guillaumes Enttarnung öffentlich Honeckers Rücktritt forderte, nicht mehr an das Gute im Sozialismus?

Seinem traurig-komischen Helden Franz Horn jedenfalls verweigert er die Tröstungen des Kollektivs, an denen Gallistl noch genesen durfte. In dem neuen Buch, dessen elegischer Ton bitter, dessen Humor grimmig ist, in dem die DKP als "die fremdgehende Partei" verhöhnt wird, tut sich am Ende kein Himmel der Gemeinsamkeit, sondern die Hölle der Einsamkeit auf: Von einer erfolglosen Dienstreise aus England in die leere Wohnung heimkehrend, aus der er Frau und Töchter geprügelt hat, greift Horn erst zur Bierdose, dann zum Tablettenröhrchen. Schon lange kann er nicht mehr. Jetzt will er auch nicht mehr. "Ich habe keine Lust mehr zu der Tätigkeit, die ich bis heute auszuführen hatte." Das hat er in London erkannt. Danach handelt er auf der Galgenhalde daheim.