München

Zwei Wochen nach seiner Wahl zum Münchner SPD-Vorsitzenden überkam Max von Heckel das Selbstmitleid. Er komme sich vor „wie ein Irrenhausdirektor, nur ohne dessen Kompetenzen“, stöhnte der Kämmerer der bayerischen Landeshauptstadt. Die Situation in dem von Heckel geleiteten SPD-Unterbezirk München gibt zu Stoßseufzern durchaus Anlaß, denn die Situation ist fatal. Hatte man gehofft, Max von Heckel, dem linken Flügel der Münchner Sozialdemokraten zugerechnet, werde es schaffen, die internen Grabenkämpfe zu beenden, so erweist sich nun, daß die Kluft tiefer ist als je zuvor. Oberbürgermeister Georg Kronawitter, Symbolfigur des rechten. Flügels, glaubt bei der Gruppe um den früheren Jungsozialistenführer

Dieter Berlitz bereits „alle Merkmale einer marxistischen Kaderpartei“ zu erkennen.

In den vergangenen Tagen hat sich in München gezeigt, daß Vertreter beider Parteiflügel eher bereit sind, mit der CSU zu praktizieren als mit den eigenen, aber andersdenkenden Genossen. Beim SPD-Landesvorsitzenden, dem Bundesjustizminister Hans Jochen Vogel, haben die nicht zu schlichtenden Querelen die bange Befürchtung aufkommen lassen, der nächste Oberbürgermeister in München werde kein Sozialdemokrat mehr sein, „wenn nicht ein Wunder geschieht“.

Diese Katastrophe deutlich vor Augen, ließ es sich die Parteispitze der bayerischen SPD aber nicht nehmen, erst einmal ein Exempel zu statuieren: Der Landesvorstand zwang bei einer Sitzung im Ingolstädter Stadttheater den Bundestagsabgeordneten Rudolf Schöfberger zum Rücktritt aus diesem Gremium. Man glaubte, Schöfberger dafür strafen zu müssen, daß er entgegen seinem Versprechen nicht energisch genug für die Wahl von Oberbürgermeister Kronawitter als stellvertretender Parteivorsitzender in München eingetreten ist. Das Stadtoberhaupt hatte bei die ser Wahl eine vernichtende Niederlage erlitten und nicht einmal die Hälfte der Stimmen erhalten.

Man hielt Schöfberger vor, er habe den sicheren Platz 11 auf der Landesliste zur Bundestagswahl nur deshalb bekommen, weil er zugesichert habe, sich für Kronawitter einzusetzen. Schöfbergers Beteuerungen, er habe die Wahl des Genossen Kronawitter ja schließlich nicht herbeireden können, entspricht ohne Zweifel den Tatsachen, denn die Parteitagsdelegierten waren in ihrer Mehrheit fest entschlossen, Kronawitter durchfallen zu lassen. Diese Verteidigung rührte die Parteispitze aber nicht, denn dort meint man offensichtlich, Strafe müsse sein. Den sicheren Platz 11 ließ man Schöfberger aber und offerierte so dem Wähler einen Kandidaten, der zwar für den Landesvorstand der SPD nicht taugt, aber als Stimmensammler noch gut genug ist. „Zurückversetzung an die Basis“ nennt so etwas der Vorsitzende des SPD-Bezirks Franken, Bruno Friedrich.

Max von Heckel braucht sich gar nicht das Schicksal seines Vorgängers als Münchner Vorsitzender, des in der Partei längst isolierten Rudi Schöfbergers, vor Augen zu halten, um zu erkennen, auf welchen Schleudersitz er sich begeben hat. Er ist selbst schon mitten in der Schußlinie: Der rechte Flügel in der SPD-Rathausfraktion will ihn nämlich aus dem Amt des Stadtkämmerers katapultieren. Die in München bevorstehenden Wahlen der Referenten im Rathaus (teilweise vergleichbar mit den Senatoren in den Stadtstaaten) hat nun zu einer totalen Verwirrung der Fronten geführt. Nicht nur, daß die „rechten“ Sozialdemokraten im Rathaus mit Hilfe der CSU die Exponenten der „linken“ aus dem Referententeam hinaushaben wollen, auch die Linke pflegte Kontakte zu den Christ-Sozialen, um ihre Riege der Stadträte zu verstärken. Hans Bleibinhaus, Leiter des städtischen Einziehungsamtes und scharfer Gegner Kronawitters, streckte bereits die Fühler aus.