Die deutsche Aktien-Hausse macht nur noch langsame Fortschritte. Seit Jahresbeginn ist der Aktienindex knappe vier Prozent gestiegen. Er liegt damit um etwas weniger als acht Prozent unter dem Nachkriegsgipfel, der Mitte Januar 1969 erreicht worden war. Wird es 1976 eine neue Rekordmarke geben, oder fällt die „feste“ Tendenz an den deutschen Aktienmärkten vorher zusammen?

Mit dem Ausscheiden des französischen Franken aus der EG-Währungsschlange und der daraus resultierenden allgemeinen Währungsunruhe ist die Furcht vor einem Tendenzumschlag gewachsen. Die Nervosität ist verständlich. Denn wer möchte schon gern von den in den Vergangenen Monaten erzielten Kursgewinnen etwas hergeben? Daß vor allem derjenige, der sich vorwiegend in den marktgängigen deutschen Standardaktien engagiert hat, auf der Sonnenseite der Anleger lag, zeigt die Tabelle „Wieviel zu verdienen war...“

Wenn in den Börsensälen Paritätenänderungen, falls sie auf eine Aufwertung der Mark hinauslaufen, so skeptisch beurteilt werden, dann wegen der unliebsamen Folgen, die frühere Aufwertungen für die Aktienkurse mit sich brachten. Aufwertungen beeinträchtigen die internationale Wettbewerbsposition der deutschen Industrie; sie führten wenn auch nicht zum Verlust von Auslandsmärkten, so doch zur Minderung der Exportgewinnspannen.

Heute sind die Dinge weniger dramatisch. Auf- und Abwertungen kann es nur noch dort geben, wo innerhalb bestimmter Bandbreiten fixierte Wechselkurse bestehen. Und das ist praktisch nur noch gegenüber den Benelux-Ländern und Dänemark der Fall. Gegenüber den Währungen aller anderen Staaten bildet sich der Mark-Kurs täglich im freien Handel. Die deutsche Industrie hat sich gut damit abgefunden; das gilt auch gegenüber dem Dollar-Raum.

Solange die Inflationsraten in unseren wichtigsten Partnerländern zwischen 3 und 20 Prozent schwanken und die Bundesrepublik mit ihrer Geldentwertungsrate eines der hinteren Glieder der Inflationsschlange bildet, wird die deutsche Industrie und auch die deutsche Börse mit einer international „festen“ Mark leben müssen. Selbstverständlich machen die schwache Lira, das unter Druck stehende englische Pfund oder der „abgewertete“ französische Franken der deutschen Exportindustrie zu schaffen, weil die Ausfuhren in diese Länder erschwert werden. Doch der „freie“ Dollarkurs hat gezeigt, daß mit solchen Problemen fertig zu werden ist. Allenfalls wird sich bei uns die konjunkturelle Wiederbelebung etwas verlangsamen. Sie wird aber gleichwohl Fortschritte machen.

Für die deutschen Wertpapierbesitzer hat der tendenziell feste Mark-Kurs den Vorteil, daß die Mark als internationale Anlagewährung erhalten bleibt und daß aus den inflationsgefährdeten Ländern Kapital in deutsche Wertpapiere fließt. Wer die letzten Tage an der Börse aufmerksam verfolgt hat, konnte unschwer feststellen, daß beispielsweise für Mannesmann, Thyssen und Siemens ständig größere Kaufaufträge aus dem Ausland vorlagen. Natürlich birgt das auch Risiken, weil Auslandsgeld hin- und herschwappt. Solange die Bundesrepublik jedoch mit vergleichsweise niedrigen Entwertungsraten aufwarten kann und die politischen Verhältnisse stabil bleiben, besteht kein Grund für die Ausländer, sich von ihren deutschen Effekten zu trennen.

Aus den Erfahrungen der letzten Jahre wissen wir, daß die Weichen an der Börse entscheidend von der Bundesbank gestellt werden. Erst wenn sie die Konjunkturbremsen wieder anzieht, wird es höchste Zeit, „Kasse zu machen“, auch wenn in der Spätphase des Aufschwungs die Unternehmen noch mit steigenden Gewinnen winken.