Der Betriebsrat fordert Neueinstellungen als Preis für Mehrarbeit

Bereits im vergangenen Jahr hatten die Opel-Werke einen Rekord in der deutschen Automobil-Industrie aufgestellt: 72mal waren bei der deutschen General Motors-Tochter die Fließbänder zu Sonderschichten angestellt worden, um die wiedererwachte Nachfrage nach Neuwagen zu befriedigen. Ford brachte es immerhin auf 59, VW jedoch nur auf 14 Sonderschichten. Und auch in den ersten Monaten dieses Jahres lag Opel in der Branche mit insgesamt acht Extraschichten schon wieder an der Spitze. Doch jetzt sind Fleiß und zusätzlicher Lohn der Opel-Werker vorerst gestoppt: Der Betriebsrat im Werk Bochum ist mit dem Vorstand uneins.

Wegen der hohen Auftragsbestände hatte der Opel-Vorstand den Bochumern neun weitere Sonderschichten für die Zeit vom 20. März bis Ende Mai verordnet. Insgesamt sollten dadurch innerhalb weniger Wochen gut 5000 Wagen der Typenreihe Kadett und Ascona zusätzlich zu den Händlern rollen. Doch der Bochumer Betriebsrat unter Führung seines Vorsitzenden Günter Perschke nutzte den Auto-Frühling auf seine Weise – und stellte dem Vorstand Bedingungen. Er kann das, denn nach dem Betriebsverfassungsgesetz muß jede Mehrarbeit von den Arbeitnehmer-Vertretern gebilligt werden. Für die Zustimmung zu den ersten acht Sonderschichten in diesem Jahr hatte Perschke auf diese Art dem Opel-Management eine zweite zehnminütige Erholungspause für die Auto-Werker abgehandelt.

Jetzt war die Ausgangslage für Forderungen des Betriebsrats günstiger als je zuvor. Die in Bochum montierten Baureihen Kadett und Ascona waren nie beliebter bei deutschen Aufkäufern: Im Januar besetzten die Erfolgsmodelle sogar erstmals die beiden obersten Plätze in der Zulassungsstatistik und verwiesen den VW-Golf auf den dritten Platz. Es ist denn auch kaum verwunderlich, daß die Rüsselsheimer Firmen-Zentrale Sonderschichten für „unbedingt notwendig“ hält, „um nicht durch unnötig lange Lieferfristen Kunden und die günstige Marktposition zu verlieren“. Letzteres, so versäumte der Vorstand nicht hinzuzufügen, sei „eine Entwicklung, die auch nicht im Interesse der Mitarbeiter liegen“ könne.

Der Betriebsrat schien sich diese Mahnung auch zu Herzen zu nehmen. Denn für die Werksangehörigen verlangte er als Gegenleistung für seine Zustimmung zu den neun Sonderschichten eher weniger als bei früheren Anlässen, nämlich bessere Wasch- und Umkleidekabinen sowie wirksamere Entlüftungsanlagen. Dafür forderte die Arbeitnehmer-Vertretung um so mehr für jene, die erst Opel-Mitarbeiter werden wollen: Der Vorstand solle mindestens 250 Neue einstellen, um so die permanenten Überstunden abzubauen. Perschke: „Wozu haben wir für die 40-Stunden-Woche gekämpft?“ Die Gesundheit, so meint er, sei schließlich wichtiger als „ein paar Mark mehr im Portemonnaie“. Und außerdem lasse sich angesichts der kaum veränderten hohen Arbeitslosenzahlen „ständige Mehrarbeit der Beschäftigten auch gesamtwirtschaftlich nicht länger vertreten“.

Daß er sich mit diesem Argument kaum neue Freunde in der Bochumer Belegschaft macht, ist dem Betriebsratsvorsitzenden klar, Auch bei den Opel-Managern stieß Perschke auf Ablehnung. Sie zeigten bei den bisherigen Verhandlungen wenig Neigung zum Nachgeben und nahmen es auch in Kauf, daß die erste der geplanten Sonderschichten am vergangenen Sonnabend ausfiel. Offiziell ließ das Automobil-Unternehmen sogar erklären, „daß die technische Kapazität der Bochumer Werke gegenwärtig vollständig ausgelastet sei“ und demzufolge Neueinstellungen die Produktion nicht steigern könnten. In den Verhandlungen mit dem Betriebsrat freilich ist Opel von diesem Extrem-Standpunkt schon wieder abgerückt. Viel ist damit allerdings nicht gewonnen: Auch Perschke gibt offen zu, daß die noch vorhandene Personallücke in Bochum nur schwer zu beziffern sei.

Nach dem Personalabbau 1973/74 um rund 5000 Beschäftigte in Bochum sind inzwischen etwa 3100 Arbeitsplätze wieder besetzt worden. Da sich jedoch die Produktionsstruktur mittlerweile verändert hat – beispielsweise wurde der Kühlerbau aus Bochum ausgegliedert –, lassen sich die Belegschaftszahlen nicht direkt miteinander vergleichen. „Mehrere hundert Arbeitsplätze sind noch drin“, hat Perschke jedoch errechnet. Opel kalkuliert die Lücke bedeutend niedriger.