Von Hanns-Hermann Kersten

Mit den Theorien über das Lachen (sind sie nun lächerlich einfach oder einfach lächerlich?) verhält es sich wie mit denen über den Schlaf: Solange man darüber reflektiert, was der Schlaf ist, schläft man nicht, sobald man aber schläft, reflektiert man nicht. Beim Schlafen wie beim Lachen handelt es sich um persönlichkeitsüberschreitende, persönlichkeitserweiternde Prozesse, um eine anreichernde Reaktion des Unbewußten auf das (verengte) Bewußtsein.

Vorsicht also und – sozusagen – Respekt vor der eigenen Unwissenheit sind am Platze, wo über das Heitere reflektiert wird. Aber schon der Urvater der Zwerchfell-Vivisektion, der französische Philosoph Henri Bergson, rettete sich in seinem vor 1900 geschriebenen „Essay über die Bedeutung des Komischen“ aus der Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten in ein dürres Dogma: Das Lachen hat nach ihm vor allem eine erzieherische Bedeutung. Es sei „eine soziale Züchtigung“ für den Ausgelachten, um dem so Gestraften „eine immer größere Anpassungsfähigkeit an die Gesellschaft anzuerziehen. Ein trauriger Befund. Das Lachen als Schule des Konformismus?

Wie der Witz die Pointe, braucht jede wissenschaftliche Untersuchung offenbar ihre resultierende, plakative Hypothese. Vorsichtig sein Studienobjekt umkreisend, registriert der deutschamerikanische Psychiater Martin Grotjahn in seiner Untersuchung „Vom Sinn des Lachens“ zunächst die Vieldeutigkeit des Phänomens: „Ein Lachen kann vieles bedeuten. Es kann grausam und zynisch, sadistisch und bitter sein; es kann freundlich und liebenswürdig oder unverhüllt feindselig sein.“ Aber dann schlägt der Freudianer im Herrn Professor zu: einschüchternde Kategorien wie „Ödipuskomplex“, „Kastrationsangst“, „Oral-, Anal- und Genitalphase“ werden bemüht; und das dergestalt grob überfahrene Lachen bleibt auf der Strecke. Grotjahns handfeste, aber kaum absolut standfeste Hypothese: Das domestizierte Urwesen Mensch unterliegt der Zensur seines „Vorbewußten“ und macht immer dann Witze, wenn es seinem Gegner lieber Ohrfeigen verabfolgen möchte.

Auch Professor Ernest Borneman, verdienstvoller Sammler des „Obszönen Wortschatzes der Deutschen“ („Sex im Volksmund“, Rowohlt Verlag, Reinbek, 1974) ist Freudianer. Mit seiner in vierzehn Jahren auf 4000 Verse angestiegenen Sammlung „Verbotene Kinderlieder und -reime“, so rechnet er dem beeindruckten Leser vor, hat er sich privatim beinahe wirtschaftlich ruiniert: Die komplette Sammlung kostete ihn „rund 200 000 DM“, schon der Einzelvers kommt ihn auf „ein Minimum von DM 50, –“. Dafür fand er aber auch in dem gewaltigen Material die „Freudsche Entwicklungstheorie ... emphatisch bestätigt“. Borneman lauerte Kindern „auf Spiel- und Sportplätzen, am Schulausgang..., im Kinderkino und auf Jugendveranstaltungen“ auf und entlockte ihnen fürs Tonband das Unanständigste, das ihr junges Herze barg. Fand sich kein Interviewpartner, pauste er eben „Verse aus Schulklos ab“. Heikel, heikel – aber dafür wissen wir nun auch, daß ein Sprüchlein wie „Die Kuh / macht Muh / und Käs dazu“ zur „Oralerotik“ gehört und im Seelenabgrund eines Mädchens von 4,6 Jahren aufgestöbert wurde (Wolfsburg 1965, Registriernummer 1928). Angesichts eines solchen wissenschaftlichen Fanatismus fällt mir nur der Aphorismus von Stanislaw Jerzy Lee ein: „Ich habe heute nacht von Freud geträumt. Was bedeutet das?“

„Über die Albernheit von Kindern“ hat sich die Tübinger Lehrerin Jutta Grund offensichtlich so nachhaltig erbost, daß sie ihr eine eigene Studie widmete. Heraus kam eine schöne Gebrauchsanweisung für den Pädagogen, wie er mit Hilfe taktisch kalkulierter Scheintoleranz so lange an der widerborstigen Klasse herumlaboriert, „bis sich die gegen ihn gerichtete alberne Subkultur mit der Zeit im Sande verläuft“. In entnervendem Soziologen-Undeutsch formuliert die Autorin hinreißende Kapitelüberschriften wie „Das Kichern – Ursprung und soziale Funktion“. Wozu der Lärm und der Kampf gegen die Kinder „auf der Ebene ihres subkulturellen Albernheitshorizontes“‚ wenn die Frau Lehrerin – zumindest partiell – selbst einsieht, die Albernheit sei eine Waffe „des Kindes im Selbstbehauptungsprozeß gegenüber den Zwängen der Sozialisation“? Ich kichere, aus Trotz und solidarisch.

Mehr als ein Kichern gestattete der Rat des alten, mächtigen Nürnberg den durch Zunftregeln botmäßig gehaltenen und sexuell frustrierten Handwerksgesellen (Heiratsverbot!) alljährlich in ihren unflätigen Fastnachtsspielen. Solche „systemgefährdende“ Sprengkraft der Libido weist Rüdiger Krohn in seiner Dissertation über das „Obszöne in den Nürnberger Fastnachtsspielen“ nach. Gegen die Technik „eines ehrbaren Rates, mit Hilfe verordneter sexueller Enthaltsamkeit Herrschaft auszuüben“, setzten die Handwerker (alle Frauenrollen wurden von Männern gespielt!) ihre „Schockelemente“. Die mittelalterlichen Zitate beweisen, wie kräftig diese armen Burschen das Maul und den Hosenlatz öffneten, solange sie es – bis zum nächsten Verbot – durften. Eine groteske, libidinöse Patt-Situation zwischen dem gestrengen Rat und den geschurigelten Untertanen des Patriziates. Das Nürnberger Fastnachtsspiel – ein Gegenstand des schamlosesten, im Schmutze seligen Witzes“, wie sich ein Germanist des 19. Jahrhunderts entsetzte.