Von Jürgen Emig

Die erfolgreiche Laufbahn des Vlado Stenzel klingt wie ein Märchen aus der Geschichte des Sports. Dabei war es nur der verzweifelte Reflex des Torwarts Manfred Hoffmann, nur der Bruchteil einer Sekunde bei der Abwehr des Siebenmeters von Hans Engel, der über Gelingen oder Scheitern der Mission des Vlado Stenzel entschied. Die Olympia-Qualifikation gegen die DDR war – ob zu Recht oder Unrecht – für die Öffentlichkeit der Beweis für seine Fähigkeiten. Trainerschicksal.

Das Ganze begann 1972 nach der Münchner Olympiade, mit seiner Behauptung, die Bundesrepublik, die nur einen mäßigen 6. Platz belegte, habe talentiertere Handballspieler als Jugoslawien, das er gerade in überzeugender Manier zum Olympiasieg geführt hatte. Von seiner Bereitschaft, diese Behauptung zu belegen, bis zur Verpflichtung als Bundestrainer des DHB, war es aber noch ein langer Weg. In Jugoslawien hatte er mit dem Olympiasieg alles erreicht. Den gelernten Chemielaboranten reizte die fast unmögliche Aufgabe in der Bundesrepublik, erfolglosen und demprimierten Handballspielern ein neues Ziel zu setzen – Montreal!

Vlado Stenzel ist ein Besessener, der eine Idee mit letzter Konsequenz verfolgt. Auch als er den Verbandsintrigen zum Opfer fiel und lediglich auf eine telephonische Vereinbarung mit dem Präsidenten des Deutschen Handball Bundes (DHB), Bernhard Thiele, hin in die Bundesrepublik zog, um dann doch als Nachfolger des glücklosen Werner Vick durch Horst Käsler, den Dozenten aus Berlin, ausgebootet zu werden, verlor er sein Ziel nicht aus den Augen. Es waren wohl die bitteren Lehrjahre des Praktikers Vlado Stenzel. In der Bundesliga blieb ihm der große Erfolg mit Phönix Essen versagt, verhöhnt von seinen eigenen Spielern, die nicht bereit waren, den notwendigen Trainingsschweiß zu vergießen und sich zu quälen. „Härte gegen sich selbst und die Bereitschaft, sich dem Ziel der Mannschaft unterzuordnen, sind unabdingbare Voraussetzungen für Spieler, die ich mir vorstelle“ – so Vlado Stenzel. Während die Nationalmannschaft der Bundesrepublik mit Horst Käsler als Trainer in Karl-Marx-Stadt 1974 gegen Dänemark sang- und klanglos während der Weltmeisterschaft ausschied, erkannte Stenzel seinen Weg aus der Misere.

Es war für ihn in unserem Vereinssystem unmöglich, die Gruppendynamik einer ganzen Mannschaft – wie zum Beispiel bei Phönix Essen – so zu verändern, daß auf Grund der Leistungsbereitschaft und Motivation aller Spieler seine erwähnte Maxime zum Erfolg führte. Als er am 1. September 1974 sein Amt als Bundestrainer antrat, entfernte er daher aus der Nationalmannschaft alle Spieler, die sein Prinzip nicht akzeptierten, und sorgte dafür, daß leistungshemmende Faktoren wie Existenzangst oder finanzielle Sorgen auf ein Minimum reduziert wurden. Vlado Stenzel kümmerte sich um seine Spieler. „Sie müssen zufrieden sein und anerkannt werden.“ Stenzel kennt seine Handballer. Er verließ sich dabei von Anfang an auf sein geradezu verblüffendes psychologisches Beurteilungsvermögen, das ihn selten im Stich ließ. Daß er die Bundesliga-Trainer mit in sein Ausleseverfahren einbezog, war nicht mehr als eine Geste des guten Willens und ein cleveres Kalkül.

In der neuen Nationalmannschaft aus jungen begeisterungsfähigen Spielern war kein Platz mehr für Sympathisanten einer unglückseligen Vergangenheit. So verzichtete Stenzel auf Klaus Westebbe, den zu vieles mit der Ära des ausgebooteten großen Individualisten, Hansi Schmidt, verband. Selbst Kapitän Heiner Möller mußte nach seinem Wechsel zum zweitklassigen Verein, Tus Nettelstedt, gehen. Sein Ausschluß bedeutete eine unmißverständliche Warnung für alle Spieler, finanzielle Erwägungen vor sportliche Notwendigkeiten zu setzen.

Das nach der Olympia-Qualifikation gegen die DDR von der Presse allgemein konstatierte „beste Betriebsklima, das es je in einer Handball-Nationalmannschaft der BRD gab“, kommt nicht von ungefähr. Denn auch im Hallenhandball gibt es keine Wunder. In nur 19 Monaten hatte es Stenzel, anfangs von vielen mitleidig belächelt, geschafft, seine fanatische Besessenheit auf die sorgfältig ausgewählten Spieler zu übertragen. Vielleicht ist es eine Ironie des Schicksals, daß gerade der Großwallstädter Manfred Hoffmann, von Werner Vick damals wegen „Trainings-Faulheit“ aus dem Olympiakader von München verbannt, Stenzeis Stern in Karl-Marx-Stadt nicht verglühen ließ. Der Jugoslawe, der selbst ein Länderspiel als Torwart in der Halle bestritt, sah bei Hoffmann alle Anlagen zum Weltklasse-Torwart, gab ihm das nötige Selbstvertrauen und behielt mit seiner Prognose recht.