Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Auf dem steinigen Pfad der Sexproblematik gleiten bekanntlich jene am leichtesten aus, die ihn für schlüpfrig halten. In einem Land wie Italien, wo Kirche und Kommunisten zwar getrennt marschieren, sich aber mit Macht beide für öffentliche und private Moral schlagen, ist der Tugendpfad nicht nur mit guten, sondern zugleich mit politischen und theologischen Grundsätzen gepflastert, siehe die viel kritisierte vatikanische Erklärung zur Sexualethik, bei der inzwischen findige Leute festgestellt haben, daß sie in weiten Teilen einfach aus einem alten Buch abgeschrieben war ... Aber auch die Kommunisten Italiens neigten bislang zum diskreten Wegschauen bei diesem Thema, zumal ihre Doktrin allenfalls mit dem sozialen, doch nichts mit dem intimen, privaten Bezug von Sexualität etwas anzufangen weiß. Politische Rücksicht auf das gesunde katholische Volksempfinden machte die Kommunisten sogar geneigt, eine „Modernisierung“ und Humanisierung sexueller Ansichten und Verhaltensweisen mehr einer automatischen gesellschaftlichen Entwicklung zu überlassen, als zielstrebiger Aufklärung,

Erst die Diskussion über den Abtreibungsparagraphen, die in Italien durch eine relativ kleine, doch sehr aktive Frauenbewegung in Gang gebracht wurde, hat es vermocht, die Kommunisten mit dem Thema der Sexualität als solchem zu konfrontieren. Sie mußten sich eingestehen, daß das Thema „von der Bourgeoisie gepachtet“ war, wozu sie offenkundig auch die Feministinnen rechnen. Denn diese hatten es mit ihren radikal-liberalen Parolen erreicht, eine genügende Anzahl von Unterschriften für einen Volksentscheid über die ersatzlose Streichung des Abtreibungsparagraphen zu gewinnen.

Die Aussicht, daß so – ähnlich wie vor Jahren beim Ehescheidungsproblem – Italien im Augenblick seiner tiefsten politischen Krise in einen quasi unpolitischen Abstimmungskampf mit weltanschaulichen Motiven gestürzt würde diese Gefahr erst hat die Kommunisten alarmiert. Gar zu gern hätten sie – wie schon bei der Ehescheidung – auch in der Abtreibungsfrage einen Kompromiß mit den Christdemokraten gefunden, die selbst (trotz heftiger Ermahnungen des Vatikans) zur Revision der allzu rigorosen Gesetzgebung neigten.

Nur die Wahrscheinlichkeit, daß einem Referendum vorzeitige allgemeine Wahlen zuvorkommen werden, ließ die Kommunisten letztens auf die Position einschwenken, die den stürmischen Forderungen der „Abortisten“ Rechnung trägt. Freilich, auch jetzt weigert sich die Kommunistische Partei, die totale Freigabe der Abreibung als ideale Lösung zu proklamieren, es gehe vielmehr um die „Freiheit, nicht abtreiben in müssen“. Die Abtreibung sei im Grunde ein Übel (wenn auch kein Verbrechen), das durch eine richtige Sozial- und Gesundheitspolitik, aber auch durch sexuelle Aufklärung möglichst vermieden und – soweit unvermeidbar – durch ein vernünftiges, „nicht repressives“ Gesetz geregelt sein müsse.

Diese Position erlaubt es den Kommunisten einerseits, sich entrüstet gegen Ausschreitungen jener Abtreibungsfanatiker zu wenden (die jüngst sogar in den Mailänder Dom eindrangen, um die Gläubigen zu provozieren), andererseits aber Distanz von einer rigorosen katholischen Morallehre zu beziehen, deren Besorgnisse gleichwohl zum Teil auch die ihren sind. Typisch dafür war eine fünfzehnseitige Sonderbeilage, die in der kommunistischen Zeitschrift Rinascita denSexualfragen gewidmet wurde. Neben medizinischen, psychologischen und soziologischen Beiträgen von hohem Niveau meldete sich auch einer der fühlenden Ideologen der Partei, Luciano Gruppi, zu Wort: