Die etwas hysterische Debatte über den neuen deutschen Film hat sich gelegt, die überdrehte Erwartungshaltung gegenüber jedem neuen Titel scheint dem Alltag zu weichen, pragmatischer Vernunft und freundlicher Aufmerksamkeit auf allen Seiten. In diese Situation kommen zwei Filme jüngerer Regisseure, die bewußt einfach, eingängig und kommerziell attraktiv sein wollen, die das Risiko eingehen, zwei mißbrauchte, verkommene Genres, den Heimat- und den Simmel-Film, wieder ernst zu nehmen: Hans W. Geissendörfers „Sternsteinhof“ nach Ludwig Anzengruber und Roland Klicks „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ nach Johannes Mario Simmel. Zwei Verfilmungen dicker Schinken von sogenannten Volksschriftstellern, zwei Erneuerungsversuche spezifisch deutscher Kino-Unterhaltungsmuster, zweimal die Chance und der Vorsatz, Trivialität mit Ambition zu verknüpfen, populär und ehrlich zu sein.

„Sternsteinhof“ spielt in einem niederbayerischen Dorf um die Jahrhundertwende. Die arme Leni will aus dem Dreck und Elend ihrer Hütte hinauf in die sonnige Wohlhabenheit des Sternsteinhofs. Zwar heiratet sie erst den armen Herrgottschnitzer von nebenan und der reiche Erbe von oben eine andere, eine vermögende Bäuerin, aber die sterben beide; Leni weiß das vorher oder hilft nach, und schließlich ist sie am Ziel.

„Lieb Vaterland“ spielt 1964 in Berlin, drei Jahre nach dem Mauerbau. Bruno, Ex-Ganove aus Wedding, jetzt in der DDR, soll in Westberlin den Boß einer Fluchthilfeorganisation kidnappen. Er paktiert jedoch mit den westlichen Behörden, will bleiben, seine Freundin nachholen und ein neues Leben beginnen. Aber die Geheimdienste spielen nicht mit, benutzen ihn nur so abgefeimt wie die Sensationspresse – am Ende ist seine Freundin tot, sitzt er selber im Knast.

„Sternsteinhof“: eine düstere Bauerntragödie, ein schweres, erdiges Melodram, ein ländliches Sittengemälde. „Lieb Vaterland“: ein Puzzle aus der fiebrigen Zeit des Kalten Krieges an seinem neuralgischen Punkt, ein politischer Reißer, eine Berliner Chronik. Thema dort wie hier: die kleinen Leute, nicht unbedingt blütenrein und keusch und makellos, aber durchaus tauglich als Identifikations-Offerten, im Kampf gegen die Großen, Reichen, Mächtigen; der Weg nach oben und der Pakt mit der Macht, Spiegelbilder vom alltäglichen Daseinskampf, von Karriere, Lebenszielen, dem Sichdurchboxen von Einzelgängern.

Erstaunlich gleichartig klingt die programmatische Rechtfertigung der beiden Regisseure. Der Heimatfilm, sagt Geissendörfer, wurde „ungeheuer mißbraucht“. Anzengrubers Roman aber erschien ihm „eine Möglichkeit, das Genre ganz ernst zu nehmen“; er wolle „genauer“ arbeiten, sein Film „soll ins Herz gehen und in den Kopf. Aber erst ins Herz, bitte schön“.

Auch Klick sagt „ernst nehmen“ und spricht, einigermaßen befremdlich bei einem Simmel-Stoff, von Respekt, Liebe, Würde. Es gelte, das Millionenpublikum Simmels nicht zu verschaukeln und die Figuren, ihre Gefühle und Motive nicht überlegener Arroganz preiszugeben, sondern „glaubwürdig, genau, gerecht“ zu sein.

Heimatfilme als Geschichten, „die nun wirklich Hinz und Kunz angehen ..., ohne den Leuten was vorzulügen“ (Geissendörfer); der Action-Film als ein „Verfahren der Fairneß“ gegenüber den Figuren und den Zuschauern, als „Zuwendung zum Publikum“ (Klick).