Der Glaube, daß das Hufeisen Glück bringe und vor Ungemach schütze, hängt nach Ansicht der Volkskundler mit der Schätzung und Verehrung zusammen, die das Pferd genießt. Dieser (und mancher anderen) hergebrachten Deutung widerspricht der österreichische Verhaltensforscher Otto Koenig; für ihn symbolisiert das Hufeisen – ein Auge. Koenig ist dem Augen-Motiv in Brauchtum und Kunst, in Magie und Uniformwesen, in der Werbung und (nicht zuletzt) im Tierreich nachgegangen; seine Ausbeute ist überwältigend, und manches davon ist so überraschend wie die Hufeisen-Deutung:

Otto Koenig: Urmotiv Auge. Neuentdeckte Grundzüge menschlichen Verhaltens; 556 S., 162 Textabb., 80 Tafeln; Leinen 88,– DM; Piper, München, 1975.

Die abertausend Augen, die hier versammelt sind, haben alle den gleichen Zweck – ob es sich dabei um „richtige“ Augen handelt oder um symbolische Augen, wie sie etwa in Gestalt eines Spiegeleies von einem Speiseöl-Plakat starren oder in Herzform denjenigen grüßen, der in ländlicher Gegend den Abtritt aufsucht: Stets dient das Auge (oder die augenhafte Figur) apotropäischem Zauber, es wehrt den bösen Blick ab, bannt den Angreifer, es imponiert und signalisiert, verhüllt und schützt das Gefährdete.

Der Reiz, einer solchen Urform nachzuspüren, ist groß, und die Verlockung endet auch dann nicht, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat: schier überall sieht man plötzlich Augen glotzen, zwinkern und schielen. Aber genau hier liegt natürlich auch eine Gefahr, der Koenig so wenig entgeht, wie seine angeregten Leser ihr entgehen können: daß man Augen sieht, wo gar keine sind, sondern eben nur augenähnliche Ovalfiguren mit oder ohne Brauen, mit oder ohne Pupille. Ob diejenigen, die solche Formen ersonnen und dargestellt haben, stets „das Auge“ meinten oder wenigstens unbewußt die Ähnlichkeit mit dem Auge empfanden – darüber läßt sich trefflich streiten.

Daß Koenig mit einer Art Besessenheit jegliche zauberische Rundgestalt als Auge zu deuten bemüht ist, hängt damit zusammen, daß er Verhaltensforscher ist und also dazu neigt, auch den Produkten menschlichen Geistes eine biologische Deutung zu geben. Für den Augen-Zauber lautet diese Deutung so:

Der Mensch ist ein taglebendes, jagendes Wirbeltier, er bevorzugt gegliederte Landschaft, sucht Deckung in Höhlen und schließt sich zu kleinen Gruppen zusammen. Für all diese Verhaltensweisen ist das Auge lebenswichtig, als Informationsempfänger und als Signalapparat. Die spontane Beachtung, die das Augensymbol findet, ist demnach – so Koenig – nichts anderes als das bewußtlose Funktionieren eines genetisch fixierten, angeborenen Auslösemechanismus, und das spezifisch Menschliche besteht nur darin, daß der Mensch imstande ist, zusätzlich verstärkende Augen-Attrappen anzufertigen, während die Tiere abwarten müssen, ob ihnen die Evolution mittels langwieriger Auslese ein Augensymbol als schreckerregendes Signal zukommen läßt.

Wo es sich bei den zauberischen Augen-Attrappen der Menschen wirklich um Augen handelt, bleibt immer noch die Frage, ob mit dem Hinweis auf eine genetische Bedingtheit wirklich etwas erklärt ist, oder ob damit nur das Faktum verdunkelt wird, daß das Auge in einem weit über biologische Zweckmäßigkeit hinausreichenden Sinne Welterfahrung und Weltbild vermittelt und in eben diesem Sinne stets als besonders wichtig oder gar verehrungswürdig erschienen ist. Wenn Koenig die biologische Bedeutung als ‚Primärerklärung“ anbietet, dann zeigt er doch nur einen Faden aus dem Netz der Ursachen.