Von Jens Friedemann

Kurz vor Mitternacht des 24. Oktober 1967 hielten Soldaten im Regierungspalais des algerischen Staatspräsidenten die Uhren an. Auf die Minute genau 22 Jahre nach Verküdung der UN-Charta proklamierten 77 Staaten der Dritten Welt mit ihrer Unterschrift unter die „Charta von Algier“ ein „Manifest der wirtschaftlichen Rechte“. Heute, acht Jahre danach, will die „Gruppe 77“, der mittlerweile 106 Entwicklungsländer angehören, ihren Anspruch einlösen und „das moderne Prinzip des Sozialstaates auf die internationale Ordnung übertragen“, wie es Gamani Corea, Generalsekretär der UN-Unterorganisation für Handel und Entwicklung (Unctad), formulierte.

Was sie darunter verstehen, zeichnet sich inzwischen immer deutlicher ab:

  • Die fünf Länder der südostasiatischen Staatengemeinschaft „Asean“ (Indonesien, Singapur, Malaysia, Thailand und die Philipinen), entwarfen vor einigen Tagen in Kuala Lumpur ein „Programm zur Stabilisierung der Rohstoff preise“. Im Welthandel kontrollieren sie einen Anteil von 85 Prozent bei Kautschuk, 90 Prozent bei Edelhölzern, 98 Prozent bei Manila-Fasern, 62 Prozent bei Zink und 50 Prozent bei Pfeffer.
  • 23 Staaten Lateinamerikas schlossen sich vor zwei Wochen in Kolumbien zur „Organisation Zucker exportierender Staaten“ zusammen.
  • Vertreter aus zwölf Staaten beraten zur Zeit in La Paz, wie sie einem im vergangenen Jahr gegründeten Wolfram-Kartell Leben einhauchen können.
  • In Genf eröffnete die „Organisation Kupfer exportierender Staaten“ (CIPEC) am Montag dieser Woche die Weltkupferkonferenz. Ihr Ziel: höhere Preise.

„Um die Einnahmen zu erzielen, auf die wir einen Anspruch haben, müssen wir nach und nach für jedes Produkt gemeinsame Organisationen der exportierenden Länder schaffen. Sie sollen unsere Rechte verteidigen und angemessene Preise für unsere Erzeugnisse durchsetzen“, verkündete der algerische Staatspräsident Boumedienne. Was das konkret bedeutet, werden die Industriestaaten in den kommenden Wochen verspüren. In Paris begann am vergangenen Freitag die Tagung des Rohstoffausschusses im Rahmen des Nord-Süd-Dialogs zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Zur großen Auseinandersetzung aber rüstet sich die „Gruppe 77“ für die im Mai bevorstehende Vierte Welthandelskonferenz in Nairobi.

Gefahr droht durch den „Corea-Plan“. Bisher hielten Rohstoffkartelle selten länger als fünf Jahre, weil einzelne Mitglieder ausscherten oder weil ihnen die Rezession einen Strich durch die Rechnung machte. Daher entwarf Unctad-Generalsekretär Gamani Corea ein integriertes Aktionsprogramm für 18 Rohstoffe, „... das einen schweren Eingriff in das Spiel von Angebot und Nachfrage bedeutet“, wie die Wissenschaftler Hans Glismann, Paulgeorg Juhl und Bernd Stecher vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel feststellten.

Statt die Industrieländer mit Erzeugerkartellen alten Stils zu konfrontieren, die durch Angebotsregulierung die Preise treiben, soll nach dem Corea-Plan ein System multilateraler Verpflichtungen zwischen Verkäufer- und Käuferstaaten entstehen. In diesen Abkommen, um die es in den kommenden Wochen geht, stehen drei „Mechanismen für eine neue Weltwirtschaftsordnung“ im Vordergrund: