Von Karl-Heinz Wocker

London, im März

Zwei, vielleicht drei Wochen, wenn nicht mehr, kann die britische Nation der Heraufkunft des nächsten Premierministers zuschauen. So lange halten es nicht einmal die Kardinäle in römischen Klausuren aus. Niemand rechnet damit, daß der erste Londoner Wahlgang diese Woche schon mit einem „habemus papam“ endet. Sechs Kandidaten brauchen Zeit, damit ihre Ansprüche aussortiert werden können. Jeder von ihnen ist ein Minister, hat Meriten und Anhang; zusammen haben sie zwölf verschiedene Ressorts geleitet.

Vergleicht man sie mit der Auswahl, die die Labourfraktion – und sie allein, nicht das ganze Unterhaus bestimmt den neuen Herrn in Downing Street – beim letztenmal (1963) hatte, so war das damals eine unerfahrene Troika: Wilson, Brown und Callaghan. Jetzt sind Callaghan, Jenkins, Healey, Crosland, Foot und Benn zwar von unterschiedlichem Kaliber, aber jeder von ihnen kennt die Tricks des Kabinetts, die Fallstricke der Ministerialbürokratie und die Sorgen des Landes.

Einer von ihnen wird am Ende nach einem Verfahren gewählt, das uns umständlich anmuten muß. Im ersten Wahlgang kann, wer will. Im zweiten fällt der Bewerber mit der geringsten Stimmenzahl aus, die anderen machen weiter; Neubewerber sind dann ausgeschlossen. Liegen die Stimmen für den Letzten und Vorletzten zusammen nicht so hoch wie die des Drittletzten, so scheiden sie beide aus (entsprechendes gilt für die letzten drei, vier oder fünf Kandidaten). Wenn es ernst wird, will man ein Spiel ohne Joker. Das Verfahren wiederholt sich in Wahlgang zwei, drei und vier – je nachdem, wie lange es dauert, bis ein Kandidat die absolute Mehrheit der Stimmen erhält; die erforderliche Zahl liegt bei 159.

Das scheint mühsam, aber es kombiniert demokratische Chancengleichheit mit selektiver Zielstrebigkeit. Chance heißt da freilich meist: Chance der Einsicht in das eigene Ungenügen. Nach dem zweiten Wahlgang gibt es sicher freiwillige Rücktritte. 1963, als Wilson gewählt wurde, lag alles viel einfacher. Er führte gleich in der ersten Abstimmung mit 115 Stimmen vor Brown (88) und Callaghan (41). Dessen Anteil wurde dann die Beute der beiden anderen: Im zweiten Wahlgang gab es 144 Stimmen für Wilson und 103 für Brown; die Mehrheit lag damals bei 125 Stimmen.

Die Bewerberliste jener Wahl könnte heute den Anschein erwecken, die Linke der Partei hätte keinen Kandidaten gehabt. Man vergißt, daß damals Wilson selbst noch als Mann der Linken galt. Er hatte drei Jahre zuvor vergeblich gegen Gaitskell um die Parteiführung gerungen, hatte noch ein Jahr zuvor, ebenso vergeblich, das Amt des Stellvertreters angestrebt und gegen Brown verloren.