Von Dieter Piel

Lohnt sich noch Leistung? Diese Frage, ein gesellschaftspolitischer Evergreen seit Generationen, ist wieder einmal aktuell geworden – Heinz Kluncker, Chef der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, hat dafür gesorgt.

Ob gleicher Zuschlag für alle oder jene in den letzten Jahren Übung gewordene Mischung von Sockelbetrag und „linearem“ Überbau: Die Politik der Einkommens-Nivellierung wird in jedem Fall gefördert. Die „Gerechtigkeit“ der Verteilung will es so – und wenn mal, wie jetzt durch Kluncker, eine besonders massive Ladung an „Gerechtigkeit“ abgefeuert werden soll, sagt man, es sei eine einmalige Angelegenheit.

Wie einmalig das ist, läßt sich indes leicht überprüfen. So konnte ein im öffentlichen Dienst beschäftigter Handwerker der Lohngruppe III, der im Jahre 1971 seine Meisterprüfung ablegte und dadurch in die Besoldungsgruppe BAT VIIb aufstieg, sein Einkommen allein durch diese Höhergruppierung um 12,8 Prozent verbessern. Hätte er seine Meisterprüfung 1975 bestanden, so wäre sein Einkommen nur noch um 6,83 Prozent gestiegen. Und in diesem Jahr wären es, käme Kluncker mit seiner 135-Mark-Forderung durch, nur noch 6,15 Prozent. Also: Lohnt sich Leistung?

Zusehends unattraktiv wird auch schon, eine Etage tiefer, die Handwerkerprüfung für einen öffentlich bediensteten ungelernten Arbeiter, der dadurch von der Lohngruppe VII in die Lohngruppe IV aufsteigt. Im Jahre 1971 hatte er noch ein Plus von 16,7 Prozent, im vergangenen Jahr nur mehr von 8,5 und 1976, Klunckers Sieg vorausgesetzt, von 7,7 Prozent.

Das sind Beispiele aus dem Bereich des öffentlichen Dienstes, der, nachdem er durch jahrelange Maßlosigkeit die Bürger das Fürchten gelehrt hat, ihnen nun noch beibringen will, was Gerechtigkeit sei. Doch in den anderen Bereichen unserer Volkswirtschaft sieht es nicht viel anders aus. So etwa in der metallverarbeitenden Industrie, in der der Effektiv-Stundenlohn eines durchschnittlichen Facharbeiters von 1965 bis 1975 von 4,75 Mark auf 11,15 Mark stieg.

Im gleichen Bereich und im gleichen Zeitraum stieg das Durchschnitts-Jahreseinkommen eines Betriebschefs – er ist zwei Ebenen unter der Unternehmensleitung angesiedelt – von 33 900 auf 72 600 Mark – die Zunahme beträgt 214 Prozent, Noch langsamer, nämlich um 169 Prozent, wuchs das Jahreseinkommen des ranghöheren Betriebsdirektors: Es stieg von 65 000 auf etwa 110 000 Mark.