Der Angola-Schock: Kissinger verordnet Amerika eine Roßkur

Von Kurt Becker

Die Demütigung von Angola wirkt nach. Der risikolose Sieg der Sowjets hat der Weltmacht Amerika eine tiefe Wunde geschlagen. Sie schmerzt. Und Henry Kissinger, so scheint es, will sie nicht einfach verheilen lassen; er möchte dem Patienten eine Roßkur auferlegen. Er will ihm in einer groß angelegten Aufklärungsaktion zur Einsicht in die Fährnisse der außenpolitischen Position der Vereinigten Staaten verhelfen. In einer bewundernswerten Anstrengung unternimmt der Außenminister tagtäglich den Versuch, der eigenen Nation die Häßlichkeit und die Gefahren der erlittenen Blessur vor Augen zu führen.

Der Fall Angola hat die Verwerfungen der politischen Landschaft zwischen Washington und Moskau in grelles Licht getaucht, samt allen davon ausgehenden Bedrohungen für die Fortdauer der machtpolitischen Balance zwischen den Supermächten. Angola ist zu einem Schlüsselwort geworden:

  • für westliche Schwäche und für einen ungehinderten sowjetischen Expansionismus vor dem Hintergrund einer beunruhigend erstarkenden Militärmacht;
  • für den selbstzerstörerischen Konflikt in Washington zwischen der Administration und einem selbstbewußten Kongreß, der den Präsidenten dazu zwang, zum ersten Male auf eine Machtdemonstration gegenüber einer sowjetischen Herausforderung zu verzichten, obwohl nicht an eine militärische Intervention gedacht war;
  • für einen Vertrauensverfall unter den europäischen Verbündeten, weil die Handlungsfähigkeit der westlichen Führungsmacht im Vorfeld der Präsidentenwahl ernsthaft angezweifelt werden muß;
  • für mögliche Störungen in der Entspannungspolitik, wiewohl der Wahlkämpfer Ford ihr einstweilen nur das unnachgiebig anmutende Etikett „Frieden durch Stärke“ aufgeklebt hat, ohne jedoch den Inhalt dieser Politik zu verändern;
  • für die globale militärische Präsenz der Sowjets und ihren Willen, sie zumindest unterhalb der Schwelle eines Konfrontationsrisikos auch politisch voll zu nutzen.

Diese Schlußfolgerungen beeinflussen heute die internationale Debatte. Die politisch-psychologischen Effekte des Angola-Schocks geben dabei den Ausschlag. Ganz gleich, ob eher der Kongreß oder der Präsident und sein Außenminister die Verantwortung für die Lähmungserscheinungen im westlichen Führungszentrum tragen: Der Eindruck herrscht vor, als sei der Westen betäubt. Von dieser um sich greifenden Suggestion könnte am Ende eine Gleichgewichtsstörung zwischen Ost und West bewirkt werden. Jedenfalls scheint sich Kissinger von dieser Befürchtung leiten zu lassen, wenn er nun unaufhörlich seinen Landsleuten ins Gewissen redet, um sie zu nationaler Geschlossenheit aufzurufen und ihnen die geringe Auswahlmöglichkeit zwischen außenpolitischen Optionen zu verdeutlichen.

Als Architekt der Außenpolitik des Weißen Hauses ist er hierzu um so mehr gezwungen, weil der Präsident auf diesem Felde keinerlei eigene Reputation erwerben konnte. Überdies hat gewiß die zur Mode gewordene massive Kritik an Kissinger und die immer unverblümter gestellte Frage nach dem Termin seines Rücktritts den Außenminister zu ehrgeizigen Anstrengungen getrieben. Wenigstens ein Erfolg zeichnet sich schon ab. Zum ersten Male seit vielen Jahren wird der Verteidigungsetat ungeachtet seiner Rekordhöhe von 287 Milliarden Mark im Kongreß kaum noch auf durchschlagenden Widerstand treffen. Die Fortdauer des militärstrategischen Gleichgewichts – entscheidende und unentbehrliche Geschäftsgrundlage der Ausgleichsbemühungen gegenüber Moskau – ist nicht bedroht.