Von Carl-Christian Kaiser

Bonn im März

Das Deutsche Rote Kreuz hat schon oft heiklen Aufträgen gegenübergestanden. Seine Erfolgsliste kann sich sehen lassen. Dennoch wird es all sein Fingerspitzengefühl, all seine Erfahrungen brauchen, wenn nun der deutsch-polnische Akkord über die Aussiedler in die Tat umgesetzt wird.

Die ehedem fast freundschaftlichen Beziehungen zwischen der deutschen und der polnischen Rotkreuzgesellschaften haben während der zurückliegenden Jahre gelitten, Gelegentlich schien Warschau nahe dran, dem deutschen Partner sämtliche Türen zu verschließen. Davon kann jetzt, zumal der Präsident des Polnischen Roten Kreuzes, Ryszard Brzozowski, die Einladung an seinen deutschen Amtskollegen, Walter Bargatzky, erneuert hat, keine Rede mehr sein. Doch ist noch einiges zu tun, um zum alten Umgangston und zur früheren Aufgeschlossenheit zurückzufinden.

Der persönliche Konnex ist um so wichtiger, als die gemeinsame Aufgabe äußerste Behutsamkeit verlangt und die Schwierigkeiten, wie meistens, im Detail stecken. Zwar ist die erste Wegstrecke klar umrissen: Binnen vier Jahren sollen bis zu 125 000 Deutschstämmige ausreisen. Aber es geht auch, und vor allem, um jene Offenhalte-Klausel, die so viele politisch-sprachliche Mühen bereitet hat – um die Frage, wie viele Ausreisewünsche nach Ablauf jener Vierjahresfrist und nach „Erfüllung“ des Kontingents noch bleiben. Einstweilen weiß niemand auch nur annähernd, ob das Kontingent von 125 000 Aussiedlern in den ersten vier Jahren überhaupt ein zuverlässiger Fixpunkt ist. Zwar spricht manches dafür, daß es ein Minimum ausdrückt. Denn aus den Jahren von 1971 bis 1974 verfügt das Deutsche Rote Kreuz über eine Liste von rund 280 000 Ausreisewilligen. Aber diese Liste beruht zum Teil auf einseitigen Angaben von Verwandten oder Bekannten in der Bundesrepublik – auf Angaben ohne Bestätigung durch jene, die dem Roten Kreuz genannt worden sind.

Außerdem handelt es sich um keine statistische Zahl, sondern um eine Liste, die jeden Tag Veränderungen unterworfen ist. Ein Teil der angeblich oder tatsächlich Ausreisewilligen ist wahrscheinlich inzwischen gestorben, viele andere mögen ihre Pläne aus politischen oder persönlichen Gründen geändert haben. Weil etwa die Tochter einer deutschstämmigen Familie einen Polen geheiratet hat, kann sich die ganze Familie zum Bleiben entschlossen haben. Der Eindruck, daß sich das deutsch-polnische Verhältnis rasch entspanne oder daß sich die Arbeitsmarktlage in der Bundesrepublik so rasch nicht bessern werde, kann zum gleichen Entschluß führen. Die Reihe solcher Beispiele ließe sich noch lange fortsetzen. Am Ende mag sich, auch wenn dies unwahrscheinlich ist, sogar die Ausgangszahl von maximal 125 000 Menschen noch als zu groß erweisen.