Von Rolf Voiimann

Jedes Kind dieses schönen Landes lernt in der Schule jene rührende Ballade, worin das Landeskind Justinus Kerner beschreibt, wie sich einst, ihrer Länder Wert und Zahl mit viel schönen Reden preisend, einige deutsche Fürsten in Worms zusammensetzten. Als die Reihe an Eberhard, dem mit dem Barte, ist, sagt dieser, seiner württembergischen Untertanen gedenkend, sein Land habe keine großen Schätze, aber doch ein Kleinod: er nämlich könne sein Haupt jedem Untertan in den Schoß legen. Die Kinder, wie gesagt, lernen diese Ballade noch heute, aber die Zeiten sind ganz anders geworden; höchstens zwei Ton drei Landeskindern dürfte der Landesvater heute noch sein Haupt in den Schoß legen, und das heißt keinem, denn er wüßte ja nie, woran er wäre: in keinem Land nämlich ist die Verfassungs- und Staatsfeinddichte so groß wie in diesem – so jedenfalls sieht es der Landesvater Hans Karl Filbinger, und wer das Sagen hat, hat auch das Sehen: So war das immer schon in diesem Disneyland des liberalen Denkens.

Als Filbinger Mitte Januar in Sindelfingen (und seither zieht sein Gegner Eppler mit dem milden Scherz durchs Land, daß er Sindelfingen Sindelhofen nennt) den Wahlkampf eröffnete, den härtesten, lust- und gedankenlosesten seit vielen Jahren, denn keiner hat Argumente, da tat er das strahlend und in allerbester Laune mit dem denkwürdigen Satz, am 4. April gehe es um nicht weniger als um die Entscheidung zwischen Freiheit und Sozialismus. In der Wahlplattform seiner Partei, der CDU, lautet der zweite Satz, mit dieser Wahl „entscheiden die Bürger im Südwesten Deutschlands zugleich über die Grundsatzfrage: demokratischer Staat oder sozialistische Gesellschaft“. Nach seiner Rede ging Filbinger, zufrieden mit sich und seinen Worten, in die obligate Pressekonferenz, und er war völlig verblüfft, ja, er war im Grund fassungslos, als einige Journalisten bekannten, Reden wie die seine eben kämen ihnen denn doch nicht so ganz lustig und geheuer vor.

Derweil zieht Erhard Eppler, der Kandidat der SPD, durch dies schöne Land und will verkaufen, was keiner haben will: eine ehrlichere Politik. Er ist bestimmt einer der brillantesten Köpfe in diesem Land, aber Brillanz ist hier nicht gefragt. Dieses Land braucht keine andere Regierung, es hat die richtige. Eppler beruft sich auf die alte liberale Tradition des Landes, aber die hat es eben nie gegeben. Aller liberale Geist, der hier je geherrscht haben mag, war immer eingebunden in eine nie in Frage gestellte landeskinderliche Loyalität.

Allenfalls in Nordbaden gab es ab und zu ein bißchen Freiheitsdrang, sonst wollte man lieber ein eigenes Haus. Die ganze Gegend hier hat nie jene graue Vorzeit vergessen, als wir alle seßhaft wurden und uns Häuser bauten. In keinem anderen Bundesland leben vergleichsweise so viele Menschen in eignen Häusern wie hier. An meinem Stammtisch sitzt jeden Samstag ein berüchtigter alter Bäcker, der von Jugend auf Häuser gebaut hat, jeden Samstag erzählt er, welche. Da er nicht überall wohnen kann, hat er vermietet, und nun verbringt er seinen Lebensabend damit, jede Wasserzinserhöhung und was so kommt, noch in derselben Woche möglichst auf seine Mieter abzuwälzen. Jeden Samstag erzählt er, wie froh er darüber ist, so stark im Kopfrechnen zu sein, und er beweist dies jeden Samstag an ein und demselben Fall, den er auf diese Weise jetzt allmählich in der Tat wirklich virtuos beherrscht.

In keinem andern Land leben auch so viele Menschen in ländlichen Gebieten, nirgendwo gibt es so nah beieinander so viele sehr kleine Städte, die sich deshalb alle gegenseitig behindert haben, wesentlich größer zu werden. Der bäuerlich verwurzelte kleine Mittelstand herrscht überall; wo sich Industrie angesiedelt hat, ist nirgendwo ein eigentliches Proletariat entstanden (Mannheim ausgenommen). Baden-Württemberg hat das dichteste Industrieballungsgebiet in Deutschland, aber die Arbeiter sind kleine Bauern geblieben. Jrotz all dieser Industrie ist das Erstaunliche an diesem Land gerade nicht, daß die CDU hier die absolute Mehrheit hat, sondern das Erstaunliche ist, daß überhaupt so viele Leute SPD wählen. Mannheim wählt sozialdemokratisch, das weiß man, und im Grund könnte man sich den restlichen Wahlkampf schenken.

Aber Wahlkampf muß natürlich sein. Unten in Ravensburg grüßt der Landesvater lächelnd von den Plakatwänden, Eppler, so anders er in Wahrheit ist, lächelt säuerlich hinterdrein, das Kino spielt in der fünften Woche die Geschichte der O., das Kino daneben bietet Bumsvallera in Kitzelhausen, und in einem kleinen verschlafenen Ort in der Nähe geht die fromme alte Mutter des Kinobesitzers, der ähnliche Ware feilhält, jeden Morgen mit verhülltem Angesicht in die Kirche, um ihren Sohn mit Gebeten von dieser Sünde reinzuwaschen. Der Zahnarzt hier blickt in keinen gebildeten Mund mehr, denn die neue Verwaltungsreform, die keiner wollte und von der niemand weiß, wem sie nützt, hat dem Ort das Landratsamt und das Finanzamt weggenommen, und wenn nun auch die Eisenbahn noch wegfällt, ist alles wieder wie ganz früher. Je weiter man nach Süden kommt, desto dornröschenverschlafener ist das Land, aber keiner will sich von Eppler küssen lassen.