Von Lothar Ruehl

Die Frage „Wohin treibt die Nato?“ enthält bereits das Urteil des Fragestellers: Treiben ist ein passiver Zustand, eine untätige oder ohnmächtige Bewegung im Strom, ziellos, ohne selbstgewählte Richtung. Die Frage des Buches, das der deutsche Fliegergeneral Johannes Steinhoff schrieb, der in seinem bewegten Leben immer ein Ziel vor Augen hatte, enthält den Kern der Antwort: Die Nato treibt ohne zu wissen, wohin die Fahrt geht.

Doch bestreitet Steinhoff dem Bündnis nicht, daß es eine neue Richtung und neue Kräfte finden könnte, um die Havarie zu verhindern, die ihm droht, wenn es sich weiter in Gleichgültigkeit und Schwäche treiben läßt. Ähnliches haben amerikanische Verteidigungspolitiker wie James Schlesinger schon vor einiger Zeit gesagt und der Nato-Verteidigung in Europa Ziele gesetzt, an denen Steinhoff Kritik übt. Die Frage, in welche Richtung die geforderte Revision der Nato-Strategie und Verteidigungsplanung in Europa vorangetrieben werden soll, ist derzeit zwischen den Kritikern des bestehenden Zustandes strittig. Das Buch des ehemaligen Vorsitzenden des Militärausschusses der Nato

Johannes Steinhoff: „Wohin treibt die Nato? Probleme der Verteidigung Westeuropas“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1976; 279 S., 28,– DM

wirft die Frage auf, ob in den wesentlichen Punkten zwischen denen, die sich bemühen, das Bündnis militärpolitisch, strategisch und außenpolitisch zu reformieren, gemeinsame Ziele zu finden sind. Steinhoffs Abrechnung mit den Schwächen und Versäumnissen der Nato in den vergangenen Jahren bezieht sich auch auf die Folgen einer mißverstandenen Entspannung, einer mißverstandenen militärischen Bedrohung Westeuropas und eines trügerischen Sicherheitsgefühls, das nach seinem Urteil der Unfähigkeit westeuropäischer Staaten entspringt, mit – eigener und gegnerischer – Militärmacht umzugehen und sie in ihren außenpolitischen Überlegungen zu bewerten.

Der General zeichnet ein lebhaftes Bild vom Zustand der Allianz, das vielen Verantwortlichen in Zivil und Uniform wohl nicht gefallen wird. Nur wenige Autoren sind wie er legitimiert, Strategie, Verteidigungsplanung, militärische Organisation und Streitkräfteaufbau des Bündnisses kritisch zu beurteilen. Darin liegt der Reiz, der Wert und für manche natürlich auch das Ärgernis seiner Kritik.

Das Buch geht von der Grundannahme aus (die in offiziellen Reden zumeist bestritten wird), daß die Nato sich in einer Krise befindet. Der Autor sieht diese Krise in einer allgemeinen Tendenz der Verbündeten, ihren militärischen Bündnisbeiträgen, ihren nationalen Verteidigungsaufwand und ihre Abwehrbereitschaft zu mindern, während in Osteuropa Sowjetunion und Warschauer Pakt ihre Angriffsmittel verstärken und in ihren Militärausgaben zumindest nicht nachlassen. Dem können weder Washington noch die alliierten Militärs in Brüssel widersprechen. Das ist schließlich seit Jahren eine Standardbeschwerde. Eher werden die Politiker diese Behauptung und ihre – unbequemen – Konsequenzen bestreiten. Nur Bonn wird seinen Widerspruch sachlich begründen können; doch den deutschen Verteidigungsaufwand hat der Autor keiner systematischen Kritik unterzogen.