Auf Wilsons Nachfolger warten schwierige Aufgaben

Von Ralf Dahrendorf

London, im März

Aus der Nähe betrachtet, war das bestimmende politische Ereignis der letzten Wochen in Großbritannien nicht der Rücktritt von Premierminister Wilson, sondern der Auftritt von Nobelpreisträger Solschenizyn in der BBC gewesen. Als Wilson viele mit seiner Ankündigung überraschte, lag Solschenizyns Interview bereits zwei Wochen zurück; aber, bis heute gibt es in London wenige politische Abendgesellschaften, auf denen seine Kernthese nicht diskutiert würde: "Der Westen steht vor dem Zusammenbruch, den er mit eigener Hand bewerkstelligt ..." Und während man das sportliche Interesse der Briten an dem Galopprennen um die Nachfolge Wilsons nicht unterschätzen darf, ist die verbreitete Überzeugung, daß Solschenizyn recht hatte, doch ein Faktum, mit dem der neue Premierminister ebenso fertig werden muß wie der alte.

Oder ist der alte Premier gar die Ursache des in Großbritannien so verbreiteten Pessimismus? Der Economist war in dieser Woche möglicherweise ein bißchen unfair, als er britische Wirtschaftsdaten für die dreizehn Jahre der konservativen Herrschaft von 1951 bis 1964 mit denen der dreizehn Jahre von Wilsons Labour-Partei-Führung verglich. Denn erstens war Wilson nur in acht von diesen dreizehn Jahren Premierminister, und zweitens weiß der Economist so gut wie seine Leser, daß das Klima der Weltwirtschaft insgesamt sehr viel rauher geworden ist als in den fünfziger Jahren.

Die irische Frage

Dennoch lohnt es sich, einige der Vergleiche auf der Zunge zergehen zu lassen: In den Jahren von 1951 bis 1964 stiegen die Einzelhandelspreise in Großbritannien um 55 Prozent, in denen von 1963 bis 1976 um 192 Prozent; die Zahl der öffentlichen Bediensteten veränderte sich in der ersten Periode um minus 2,5 Prozent, in der zweiten um plus 38 Prozent; Investitionen wuchsen in der ersten Phase um 53 Prozent, in der zweiten um 25 Prozent. Während der Lebensstandard durchweg anstieg, verringerte sich die Wachstumsrate doch von 56 auf 36 Prozent.