Ich wollte für ein oder zwei Jahre in den Westen reisen, so wie jeder Künstler überall auf der Welt reisen kann. Ich habe etwa 50 Ausreiseanträge gestellt, in der Regel im Zusammenhang mit Ausstellungen meiner Werke in westlichen Ländern und auf Grund von Einladungen nicht nur bürgerlicher, sondern auch kommunistischer Organisationen und Persönlichkeiten. Aber man ließ mich nicht raus ... Ich habe noch nie in meinem Leben einen Henry Moore, ein Bild von Salvador Dalí gesehen. Ich kenne sie nur von Reproduktionen. Und das, finde ich, ist nicht normal.

Ernest Neiswestnij, der 1915 geborene, bedeutendste Bildhauer der Sowjetunion, nach seiner Ausweisung in einem Interview der „Weltwoche“ vom 17. März

Berlinfilm mit Folgen

Nicht zu fassen: ein Fernsehmann, gar ein Ausländer, wagt es, das heikle Thema Berlin anzugreifen, und das auch noch als „kulinarisches Feuilleton“. Der Film „Reservate: Prospekt Berlin“ des Schweizers Roman Brodman („Zeichen der Zeit“, „Berichte aus dem Knast“), am 17. März von Radio Bremen ausgestrahlt, war „ein Brechmittel“ (BZ). Brodman verglich in seinem fabulierfreudigen, aber pointierten Stadtporträt Berliner Wirklichkeiten mit den Versprechungen von Reiseprospekten. Sein Kommentar war polemisch, aber präzise: Berlin, „das teuerste Luxusgeschöpf der deutschen Geschichte“ und die Stadt „mit der reaktionärsten Presse“ sowie der höchsten Selbstmordrate. Bürgermeister Schütz zu solchen und ähnlichen Attacken: „Der Film war weniger auf Hirn, Herz und Hand, sondern zuviel auf den Unterleib fixiert.“ Na schön. Schlimmer sind indirekte Appelle an die Zensur: Der Autor habe von der im Bremer Sender herrschenden „Narrenfreiheit“ profitiert (ein Senatssprecher), der Film sei ein „skandalöser Beitrag, wie ihn sich eine öffentlich-rechtliche Anstalt nicht leisten darf“ (CDU-Fraktionschef Lummer). Ein besonders massives Geschütz, gerichtet auf eine Episode des Films über Nazi-Trödel: „Was in 12 Jahren dem 3. Reich nicht gelang, nämlich Berlin zur ‚Hauptstadt der Bewegung‘ zu machen, die es nie gewesen ist, sollte Radio Bremen nicht 30 Jahre später versuchen“ (Schütz).

Sommertheater, zweite Meldung

Aus Elspe, der Hochburg des saarländischen Sommertheaters, kommt gute Nachricht: „Pierre Brice hat sich entschieden!“ Wozu sich der einstige Kino-„Winnetou“ entschieden hat, gibt der Festspiel-Geschäftsführer Bludau in einer rhapsodischen Pressemitteilung bekannt: „Vom 19. bis zum 29. August wird er bei den Karl-May-Festspielen in Elspe (Südwestfalen), der größten europäischen Freilichtbühne, auf seinem Rappen Iltschi dem verbrecherischen Ölprinzen das Handwerk legen. Brice, der das Angebot nach eingehender Prüfung verschiedener Videoaufzeichnungen der Elsper Karl-May-Spiele annahm, zeigte sich besonders beeindruckt von dem aktionsgeladenen Ablauf dieser Inszenierungen.“ Der Sommertheater-Freund zählt schon die Tage.