ZDF, Donnerstag, 25. März: „Ein Streik ist keine Sonntagsschule“, Fernsehspiel von Hans Stürm, Mathias Knauer und Nina Stürm

Im Juni 1974 streikten die Arbeiter einer Schweizer Pianofabrik. Name der Firma: Burger und Jacobi. Ort der Handlung: die Stadt Biel. Zahl der Streikenden: einundvierzig Männer und Frauen, darunter viele Italiener. Zahl der Streikbrecher: neun Personen. Die Ausgangssituation: Kampf um ein dreizehntes Monatsgehalt. Eine zu allem entschlossene Firmenleitung. Eine Gewerkschaft ohne Konzept. Eine unerfahrene Belegschaft. (Im Zeichen der helvetischen Gesamtarbeitsverträge sind Streiks nahezu unmöglich.) Das Resultat: trotz minimaler Zugeständnisse ein Triumph des Eigentums.

Im Schutz der „bürgerlichen Rechtsprechung“ (so ein italienischer Arbeiter) und im Bund mit dem „Geld, das die Reichen schützt und die Armen machtlos sein läßt“ (so, dem Sinne nach, ein Schweizer Schreiner) zeigt die Firma, wer zu bestimmen hat und wer nicht. Die sogenannten Rädelsführer werden entlassen, die Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt, die Produktionsrückstände durch zuschlaglose Überstunden wieder eingeholt. Angst breitet sich aus. – DieZeit der Solidarität ist vorbei. Resignation und Fatalismus setzen sich durch.

Ein düsteres Fazit also? War alles umsonst? Nicht ganz. Ein Hoffnungsschimmer bleibt. „Es war eine große Sache. Trotz allem“, sagt ein Italiener, und ein Schweizer fügt hinzu: „Wir würden wieder streiken – und diesmal erfolgreicher. Wir haben gelernt. Wir wissen jetzt, daß wir stärker sind, als wir glaubten.“ Im Stil einer Chronik, sachlich und ergreifend zugleich, wurden in dieser Streik-Dokumentation, einem Lehrfilm hohen Rangs, die Streik-Phasen aus der Perspektive der Betroffenen analysiert.

Am Anfang die Zwistigkeit innerhalb der Arbeiterschaft: Italiener und Schweizer mißtrauen einander. Dann, plötzlich, die Phase des Einverständnisses, in der die Arbeiter, von der Unternehmensleitung verhöhnt („Herr Küng, hat der Direktor zu mir gesagt, das schwarze Klavier wartet“), ihre Interessen zu erkennen beginnen: „Jeder soll kriechen von uns, das wollen sie.“ Auch die Frauen fangen an zu lernen: Plötzlich, einen Augenblick lang, ist nicht mehr vom „ungewissen Heimkommen“ der Arbeiter, vom Lachen und Kartenspielen der Ehemänner die Rede, „während wir am Monatsende nicht wissen, wie die Raten bezahlt werden sollen“. Solidarität unter den Schreinern. Solidarität zwischen Mann und Frau. Aber nur einen Augenblick lang. Am Ende sind die Männer allein: „Ihr müßt euch bescheiden“, sagt die Gewerkschaft; „wir haben es ja immer gewußt“, sagen die Frauen, „ein Streik ist nicht gut.“

Kein Kommentar, kein Zwischentext, kein soziologisches Fazit am Schluß: Arbeiter sprachen auf Schwyzerdütsch und italienisch von sich selbst. (Abgehoben von den Süppchenkochern auf beiden Seiten: einem reaktionären Bäckermeister im Park und einer wortradikalen Jungmannschaft bei der Demonstration.) Jeder Satz war wohlüberlegt. Hinter jeder These stand eine lebenslange Erfahrung. Ja war Ja, und Nein war Nein: „Sie wollten die Leute herumkriegen.“ „Mit der Frau gab es nun auch kein rechtes Einverständnis mehr.“ „Das Geld ist nicht das Wichtigste. Moralisch wird man zermürbt.“

Ein erschütternder Film: in seiner Sanftheit, seiner Humanität und seiner ergreifenden Anklage gegen die bestehenden Wirtschaftsverhältnisse eindrucksvoller als jede noch so stimmige Analyse „von oben“. Die Agitation der Sanftmut: Warum, so die Bilanz, zahlen Bedächtigkeit, Güte und Solidarität sich nicht aus?