„Antike Literatur auf Schriftrollen“, herausgegeben von Ulrich Harsch. Wer Bach nicht auf dem Flügel, sondern auf dem Clavichord zu hören wünscht, wer chinesische Gerichte stilecht mit Stäbchen speist, der wird antike Gedichte auch nicht im anachronistischen Medium des modernen Buches betrachten wollen: Er greift zur antiken Schriftrolle. Gibt es die denn überhaupt? Aus der Antike kaum, aber aus der Edition Aurora. Diese produzierte in München soeben fünf verschiedene Rollen: einen römischen Fuß (das sind 30 cm) hoch, drei oder sechs römische Fuß lang und für 9 oder 18 Mark zu haben, beschrieben nacheinander, besser: nebeneinander mit lateinischen und deutschen Kurztexten: Horazens „Fabel von der Landmaus und der Stadtmaus“, die Beschreibung des Plinius vom „Ausbruch des Vesuvs“, der Pompei verschüttete, „Lieder“ des Catull, die schönste und am tiefsten empfundene Frauenlyrik der Antike nächst Sappho, die „Elegien“ der Sulpicia, schließlich das Schicksal des Aufrührers „Spartacus“, beschrieben von Florus. Die Texte sind geschickt gewählt, die Darbietung ist glänzend gelungen: Zwar wäre eine wertvollere Papiersorte angemessen, zwar fehlt der antike Holzstab zum Drehen der Rolle, dafür ist aber das Schriftbild bereichert um kleine belehrende oder belustigende Illustrationen. Und die elegant nachgezeichneten Buchstaben der „capitalis rustica“ ergeben gut lesbare Zeilen, die den Geist der Ursprungszeit der Texte ausstrahlen: ein besonderes Leser-Erlebnis, das die Reihe der Jahrhunderte vor Augen bringt, die uns vom Reiche Roms trennt – und uns mit ihm verbindet. Man liest langsamer, nachdenklicher als gewohnt: mehrdimensional. Die ansprechenden Rollen dienen als prächtiges Präsent ebenso wie als reizvoller Wandschmuck. Aber eigentlich sollte man in ihnen lesen: eine Verfremdung durch das „Stilechte“, die zu erfahren sich lohnt. (Edition Aurora, München, 1975/76, 8 München 81, Elektrastraße 5/XV; je Rolle zwischen 9 und 18 DM.) Bernhard Kytzler