Jahrelang jagte er Rocker, verhörte Dirnen nachts am Straßenrand im schummrigen Laternenlicht und räumte auf. Jetzt stand er selbst dort, wohin er kleine und mittlere Ganoven gebracht hatte: vor den Schranken des Münchner Landgerichts, vor dem sich der 33jährige Ex-Staatsanwalt Horst Hörauf über eine Woche lang wegen Betrugs, Urkundenfälschung und der Beihilfe zur Falschaussage verantworten mußte.

In grellen Hemden, buntgemusterten Anzügen und auf Schuhen, deren Absatzhöhe Gerichtsbeobachter auf acht Zentimeter taxierten, machte der einst so forsche Ankläger eher einen mitleiderregenden Eindruck. So zeigte das Gerich. denn auch Milde: Es verurteilte Hörauf zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe, obwohl der Staatsanwalt vier Jahre gefordert hatte.

Der Prozeß gegen den 1942 in Bad Mergentheim geborenen Juristen hatte außergewöhnliche Merkmale. Was, so fragte man sich schon vorher, treibt einen Staatsanwalt dazu, bei Versicherungen größere und kleinere Beträge lockerzumachen, die ihm gar nicht zustehen? Wie wird die Anklage einen gestrauchelten Kollegen, einen Nestbeschmutzer behandeln? Und wie werden die Richter jenen Mann beurteilen, der jahrelang auf ihrer Seite hoch über Angeklagten thronte? Hinzu kamen Fragen, die bei der Urteilsfindung vordergründig nebensächlich erschienen, wie die, aus welchen Quellen ein Staatsanwalt mit 33 Jahren eine Viertelmillion Mark anhäufen konnte.

Manche Fragen ließ der Prozeß offen. Deutlich wurde jedoch die Persönlichkeitsstruktur des ehemaligen Anklägers. „Herr Hörauf ist zwar neurotisch gestört, aber strafrechtlich ist er voll verantwortlich“, befand der Professor Walter Simon als Sachverständiger, denn: „Hörauf leidet an einem enormen Macht- und Geldstreben.“

Laut Anklage manifestierte sich das so: Er kaufte sich 1970 für 31 800 Mark einen flotten Porsche-Targa, ein „Liebhaber-Fahrzeug“ (Hörauf), das durch wundersame Fügungen in kurzer Zeit immer wieder beschädigt oder ausgeraubt wurde. Mal war es ein Gipsbrocken, der von einem Lastwagen fiel, mal ein Fußball, eine Baumaschine oder das Fahrrad der Mutter, die das Auto beschädigten. Immer wieder jedenfalls forderte Hörauf Geld von Versicherungen, die die „Gefälligkeitsrechnungen“ des Staatsanwalts meist bereitwillig anerkannten-

Dann wieder kam ihm ein Koffer mit wertvollem Inhalt auf dem Münchener Flughafen abhanden, ein anderes Mal meldete er eine Autostereoanlage als gestohlen. Nach einem angeblich in seiner Wohnung verübten Einbruch kassierte er 30 000 Mark Versicherungsgelder. Von den zehn Betrugsfällen der Anklage, den zwei versuchten Betrugen und die Beihilfe zur Falschaussage übrig.

Dies alles wäre Gerichtsroutine gewesen, hätte der Angeklagte nicht just selbst als Ankläger lange Zeit das repräsentiert, was im bürgerlichen Sprachgebrauch „Recht und Ordnung“ heißt. Die Aufmerksamkeit, die die Münchener Staatsanwälte nun ihrem gestrauchelten Ex-Kollegen widmeten, hielt dessen Verteidiger Bossi für übertrieben.