Von Helmut Hirsch

Der Streit um Karl Marx, bei dem Geistesritter beider deutscher Staaten den von Fritz J. Raddatz hingeworfenen Handschuh aufnahmen, greift auf Jenny Marx, geb. v. Westphalen, über, seitdem Graf Schwerin sie als Biograph entdeckt hat:

Lutz Graf Schwerin von Krosigk: „Jenny Marx – Liebe und Leid im Schatten von Karl Marx“; Staatsverlag, Wuppertal 1975; 264 S., 13 Abb., 3 Familientafeln, 32,50 DM.

Dieses Mal wird das Turnier von westlichen Lanzenträgern eröffnet. Sie mögen Karl nicht und empfinden deshalb für Jenny eher Spott und Mitleid als Bewunderung. „Alles über Tante Jenny“ lautete die Schlagzeile eines bekannten Magazins, „Zwischen Pfandhaus und Volksfront: Das Eheleben der Jenny Marx“ hieß es in einer großen Tageszeitung, die ironisch hinzufügte: „Nach dem Ball die Bettelbriefe“.

Harald Wessel, sozialhistorischer Mitarbeiter des Neuen Deutschland, ritt in der DDR-„Weltbühne“ eine Gegenattacke, bei der die Wortfetzen nur so flogen. Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) „befanden sich unter den Büchern, die Goebbels im Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz in die Flammen warf... Unter denen, die für den MEGA-Tod vor 42 Jahren verantwortlich gemacht werden können, befindet sich auch Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Reichsfinanzminister von 1932 bis 1945. Jetzt als Greis von 88 Jahren hat er sich plötzlich darauf besonnen, daß er – ‚als Großneffe ihrer Halbschwester Lisette von Krosigk, geb. von Westphalen‘ – aus dem Familienkreis von Jenny Marx stammt... Eine Wiedergutmachung für 1933? Oder der Versuch eines gealterten Finanzfachmanns, aus dem weltweit wachsenden Interesse an Marx einige Tantiemen zu ziehen?“ Die Feder des „uradeligen Grafen“ wiederhole so gut wie alle Legenden bürgerlicher Marxologen, „um Marx privat ins Zwielicht zu stellen“.

Als Beweis dafür, wie „unseriös und tendenziös die bürgerlichen Marxologen“ seien, zitiert und widerlegt Wessel eine einzige Stelle, nach der Frau Marx es abgelehnt haben soll, mit der Geliebten von Friedrich Engels bekanntgemacht zu werden, entnimmt sie aber der Marx-Biographie von – MacLellan! Dabei ist es leicht, Schwerins Werk einige Irrtümer nachzuweisen: Nicht die Junghegelianer, die Hegelianer, von denen die Radikalen abhingen, verloren um 1840 die Macht.

Oppenheim, nicht Oppenheimer, gründete die Rheinische Zeitung, die keineswegs „durchaus gegen den Sozialismus“, auftrat, sondern sich bloß in Marxens Person zunächst zurückhielt. Das einzige Doppelheft der „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ konnte nicht zugleich im Februar und im März 1844 erscheinen. Der Deutsche Arbeiter-Verein firmierte als Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein; Bakunins Alliance war nicht pour la sondern de la Democratie; Brüssels Rue de l’Alliance hieß nicht d’Alliance. Der Attentäter Tschech war kein „Verrückter“ (im Gegensatz zu seinem Opfer). Hess sollte nicht vorn als Moses, hinten als Moritz auftauchen. Marx bezog sich dem Onkel gegenüber nicht nur einmal, sondern wiederholt auf die gemeinsame Abstammung. Das erlaubt jedoch nicht die unqualifizierte Aussage, daß der 1818 Geborene, 1824 Getaufte, 1834 Konfirmierte „der jüdische Doktor der Philosophie“ und noch als Verlobter „Jude“ war.