München

Ein Verteidiger formulierte in seinem Plädoyer den bitteren Satz: „Alles, was mehr verdient, all das ist von der Verantwortung befreit, weil es innerdienstlich so vorgesehen ist.“ Der zweite Verteidiger drückte es noch schärfer aus; Bei der Bundesbahn herrsche „Schlendrian von ganz unten bis ganz oben“. Zwei böse Bemerkungen – in dieser Schärfe sicherlich nicht richtig, im Kern aber leider auch nicht falsch. Denn der Prozeß um das Zugunglück von Warngau-Schaftlach, das am 8. Juni vorigen Jahres 41 Menschenleben und 126 Verletzte forderte, offenbarte neben mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen auch einen erschreckenden Mangel an vorausschauender Phantasie und effektiver Kontrolle.

Angeklagt waren die Fahrdienstleiter Habart und Hiergeist aus den Bahnhöfen Schaftlach und Warngau und der Fahrplansachbearbeiter Dorfner. Habart erhielt ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung, Hiergeist und Dorfner jeweils acht Monate, ebenfalls auf Bewährung. Zusätzlich müssen alle drei Geldbußen an das Rote Kreuz zahlen.

Die Urteile gegen Habart und Hiergeist gehen in Ordnung. Beide Männer haben an jenem Sommer-Sonntag, wie die Tonbandaufzeichnungen ihrer Telephongespräche zweifelsfrei ergaben, ihre Vorschriften gröblich verletzt, so daß zwei Züge auf die eingleisige Strecke gelassen wurden und frontal zusammenstießen.

Doch das Urteil gegen Dorfner erweckt Zweifel – nicht wegen der Höhe des Strafmaßes, sondern wegen der Frage, ob der richtige Angeklagte vor dem Richter stand.

Unbestritten hatte Dorfner jene ominöse „Luftkreuzung“ konstruiert, also die Abfahrtzeiten der beiden Züge (einer fuhr nur sonntags) aus Warngau und Schaftlach auf dieselbe Minute gelegt, so daß sie sich theoretisch mitten auf der Strecke treffen mußten. Natürlich stimmt die Behauptung der Bahn, daß der Fahrplan für das Publikum nicht die innerbetrieblichen Vorschriften außer Kraft setzt (nach denen das Unglück nicht passieren durfte); ohne Zweifel bedeutete die Fahrplan-Konstruktion jedoch ein zusätzliches Unsicherheits-Moment, das das Gericht Dorfner ankreidete.

Freilich wurde schon die Frage, ob solche Luftkreuzungen erlaubt, verboten oder stillschweigend geduldet waren, so kontrovers beantwortet, daß feststeht: Dorfner mag mitschuldig sein, alleinschuldig ist er auf keinen Fall. Schließlich hat er nur getan, was sich in der Verhandlung als übliche Bahn-Praxis herausstellte, nämlich per Vorschrift die Verantwortung auf diejenigen übertragen, die direkt am Betrieb beteiligt sind. Entweder hätte Dorfner freigesprochen werden müssen – oder mit ihm hätten Dorfners Vorgesetzte verurteilt werden müssen – Verantwortung auf der Einbahnstraße, nur „nach unten“, ist ein Unding.