Euch zum Trotz – Seite 1

Von Thilo von Uslar

Es ist schwer genug, sich als junger Autor durchzusetzen. Ungleich schwerer ist es, die Aufmerksamkeit einer lesenden Öffentlichkeit auf einen bei Lebzeiten nahezu vergessenen, biographisch und lexikalisch fast nicht dokumentierten Dichter zu lenken, und sei es auch ein großer deutscher Dichter wie Walter Mehring.

Der Umstand, daß nicht Neuauflagen seiner Bücher oder gar das Erscheinen bisher nicht veröffentlichter Arbeiten der Anlaß sind, von Mehring Aufhebens zu machen, sondern sein achtzigster Geburtstag am 29. April, gibt Zeugnis von den Grenzen, in denen ein Schriftsteller seinem Publikum die eigene Anstößigkeit zumuten darf.

Daß Mehring seinen Achtzigsten nicht im Kreis seiner Literaten- und Malerfreunde in einem Haus oberhalb des Luganer Sees verbringt, geehrt durch eine Gesamtausgabe und Reden über seine Verdienste um die deutsche Literatur, nicht erschöpft und zugleich glücklich geschmeichelt von den Interviews und Fernsehporträts der letzten Tage, sondern ungeehrt, nicht literaturpreisverziert und fast vergessen in einem Spitalbett bei Zürich, das erscheint gleichnishaft für diese unbequeme, unbeugsame geistige Existenz, die ihrer Zeit immer die Stirn geboten hat, nie ein Etikett.

Walter Mehring gehörte zu den Dada-Gründern in Berlin. Er veröffentlichte expressionistische Gedichte in Herwarth Waldens "Sturm", schrieb für die "Weltbühne" und Max Reinhardts "Schall und Rauch". Kaum einer entlarvte die Schwächen und Gefahren dieser Zeit so treffsicher und fundiert wie er. Mehring kam zu Erfolg, aber die beginnende Berühmtheit machte ihn mißtrauisch. Er retirierte nach Paris, gleichsam vorweggenommenes Exil, mit dem es 1933 ernst wurde. Im zehnten seiner "Briefe aus der Mitternacht" beschwört Mehring die Namen der im Exil gestorbenen Freunde: Tucholsky, Toller, Joseph Roth, Hasenclever, Ernst Weiß, Theodor Lessing, Rudolf Olden und Ossietzky, den er nicht zur Emigration bewegen konnte. Wie sie ist auch Mehring ein Opfer des Exils, auch wenn er das französische Lager und die Flucht über Martinique nach den USA überlebte. Aber sein Stoßseufzer im "Transatlantischen Psalter" täuscht: "Was willst du mehr, Poet? du schreibst... du bist gerettet."

Gerettet wurde Mehrings Sprachkraft und kostbare Treffsicherheit. Aber die Kluft zwischen dem überwundenen Un-Geist und einem neuen "Zeitgeist" konnte er nicht durch Zugeständnisse überbrücken.

Zudem ist Walter Mehring stets unpfleglich mit seiner Biographie umgegangen. Er hat es versäumt, seine Freundschaften, sein Dazugehören für die Literaturgeschichte zu dokumentieren. Keine veröffentlichten Briefwechsel, keine Autobiographie, allenfalls versteckte Hinweise in der kulturgeschichtlichen Autobiographie "Die verlorene Bibliothek" helfen, den Stellenwert des Autors in der Literatur zu markieren.

Euch zum Trotz – Seite 2

Die Kunst der Fuge, diesen Kunstgriff, der es auch dem oberflächlichen Leser erlaubt, immer wieder das Thema "ich, der Dichter" hinter dem Werk zu erkennen – Mehring hat sie nie beherrschen wollen.

Statt dessen hat er kompromißlos weg von sich, nur auf seine Arbeit verweisend, sein Recht auf Veröffentlichung reklamiert, Veröffentlichung auch seiner neuen Arbeiten. Schimpfend, klagend, bissig macht er jeden Kompromiß zunichte. Kaum ein Verleger oder Kritiker, den er nicht mit dieser Forderung vor den Kopf gestoßen hätte, nicht so, daß es dem Masochismus schmeichelte, wie er Mächtigen oft eigen ist, sondern um so härter, je weniger Zeit ihm bleibt.

Seinen letzten Kompromiß schloß der noch unerfahrene Amerika-Heimkehrer, als er in ein zusammengeschludertes Taschenbuch-Potpourri einwilligte, weil Willy Haas ihm im Nachwort bescheinigte: "Und doch kommt Mehring von anderswoher und mündet anderswo ...", nämlich nicht aus der Cabaret-Szene der zwanziger Jahre, die ihn abstempelte. Aber seine Essays über Büchner, Peladan, Stramm, Panizza, Huysmans, die das Woher und Wohin erhellen könnten, "wurden von allen Redaktionen refüsiert. Sorry", schrieb Mehring Ende 1973 an einen Freund. Ein unveröffentlichter Roman über das Exil aller Nuancen zwischen 1921 und heute pendelt zwischen den Verlagen, die um Ablehnungsbegründungen ringen (ein Münchner Verlag bewältigte die Rücksendung einen Tag nach Posteingang). Und Walter Mehring pendelte, bis zu seiner Krankheit, mürrisch und verbissen zwischen kleinen Hotels in Zürich, Ascona und München, begleitet von zwei Koffern voller unveröffentlichter Manuskripte.

Mehrings Bücher erzielen in den Antiquariaten gute Preise. Die "Europäischen Nächte" bringen 80 Mark, "Neubestelltes abenteuerliches Tierhaus oder die Phantastika "In Menschenhaut" werden mit 120 Mark gehandelt. Die Exilwerke "Und euch zum Trotz", "Müller, Chronik einer deutschen Sippe" und "Die Nacht des Tyrannen" sind schwer aufzutreiben. Wovon Mehring lebt, weiß kein Mensch. Die "unvermeidliche Internierung in einer der zahllosen Almosen-Purgatorien der irdischen Nächstenliebe" hat er bisher zu vermeiden gewußt.

"Ich werde nicht mehr erwähnt, weil ich weiterschreibe", sagt er, und "ohne Echo kann ich nicht leben. Ich habe jetzt resigniert." Zur Bissigkeit ist die Verbitterung getreten.

Wie wäre es, das Werk Mehrings einer Prüfung zu unterziehen, falls es dessen bedarf, um ihm einen der ungezählten Literatur- oder Kulturpreise zu verleihen, die Kommunen und Mäzene, Institutionen und Verbände zu vergeben haben? Den einen oder anderen würde er annehmen, würde eine unhöfliche Rede halten (aber das kennt man ja schon, nicht nur von Mehring), und das Geld, da er über die Attitüde der entrüsteten Weiterstiftung an Hilfswerke oder Befreiungsorganisationen nicht verfügt, würde er, zur Freude der Stifter, für sich behalten.

Aber Vorsicht: die letzte öffentliche Ehrung für Walter Mehring fand 1933 statt. Es war ein ganzseitiger Artikel von Joseph Goebbels im "Angriff". "An den Galgen" hieß die Überschrift. Damals wußte man noch, was man von Walter Mehring zu halten hatte.