Ende der sechziger Jahre machte sie mit heroisch-komischen Rückzugsgefechten gegen Kolle & Co. noch bundesweit Schlagzeilen, inzwischen siecht sie kaum beachtet vor sich hin: jene berühmt-berüchtigte "Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK), die 1949 zur Verhinderung einer staatlichen Filmzensur gegründet wurde und die sich später allzuoft als Hort politischer Gängelei und kleinkarierter Prüderie erwies. 1972 zogen sich die Vertreter von Bund, Ländern, Jugendorganisationen und Kirchen partiell aus der FSK zurück, resignierten endgültig vor dem Siegeszug von Graf Porno und seinen Spießgesellen. Die einst von der Branche lautstark gerühmte "Polizeifestigkeit" der Wiesbadener Freigabe-Bescheide verlor ohne den Segen von Staat und Kirche erheblich an Wirksamkeit. Immer häufiger beschlagnahmen Staatsanwälte auch Filme, die von der FSK für Zuschauer über achtzehn Jahre freigegeben worden sind, nicht nur Pornos, sondern auch Peckinpah und Pasolini.

Während also die sogenannte "Erwachsenenfreigabe" der FSK kaum noch funktioniert, betätigt sich der ramponierte Verein unverdrossen weiter auf dem Gebiet des Jugendschutzes, befindet darüber, ob ein Film für Jugendliche schon ab sechs, ab zwölf, ab sechzehn oder erst ab achtzehn Jahre geeignet scheint.

Wovor aber wird unsere Jugend von der FSK geschützt? Zum Beispiel 1974 vor Ulrich Schamonis Faulenzer-Komödie "Chapeau Claque" (ab 18), die geeignet sei, "die Jugend in ihrer ohnehin vorhandenen negativistischen Grundeinstellung gegenüber jeder Art von Zwang und Anpassung an Normen zu bekräftigen". Daß diese Entscheidung kein skurriler Einzelfall war, sondern ein gültiges Manifest des in Wiesbaden betriebenen Jugendschutzes, belegt jetzt die Affäre um einen Kinderfilm, den Kinder nicht sehen dürfen: "Nordsee ist Mordsee" von Hark Böhm ("Tschetan, der Indianerjunge", "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig"), dem einzigen deutschen Filmer, der ernstzunehmende Filme speziell für jugendliche Zuschauer macht.

"Nordsee ist Mordsee" handelt von zwei Jungen, die aus ihren miesen häuslichen Verhältnissen in einer Hamburger Trabantenstadt ausbrechen und sich mit einem geklauten Segelboot auf die Elbe, Richtung Nordsee, wagen: ein einfühlsames Porträt der miserablen Situation von Gettokindern, zugleich auch ein Plädoyer für Spontaneität und Phantasie. Für "Jugendliche unter 16 Jahren zu bedenklich" fand die FSK diesen Film und sorgt sich um "mögliche negative Auswirkungen", zumal in bezug auf das utopisch offene Ende, bei dem "keine Möglichkeit pädagogischer Aufbereitung besteht". Im Jargon reaktionärer Oberlehrer kreiden die FSK-Prüfer Hark Böhm an, daß er Kinder zeigt, wie sie manchmal auch sind, und nicht unbedingt so, wie unsere Jugendschützer sie vielleicht noch aus sonnigem Schrifttum in Erinnerung haben. Kinder dürfen mit sechs Jahren zwar Disney und Däniken sehen und im Fernsehen oft auch Filme, die die FSK einst überhaupt nicht jugendfrei einstufte, aber keine realistische Schilderung ihrer eigenen Probleme.

Diese Art von Jugendschutz, die sich nicht zuletzt dadurch ad absurdum führt, daß auch "Nordsee ist Mordsee" demnächst unzensiert über den Bildschirm flimmern wird, schadet nicht nur dem Filmemacher Böhm. Wer schützt uns vor einer Organisation, die immer noch und immer wieder politische Zensur betreibt, jetzt unter dem Deckmantel des Jugendschutzes? Wenn die FSK Kinder zur "gesellschaftlichen Tüchtigkeit" erziehen will, indem sie ihnen nur noch eine artige Anpasserwelt zubilligt, sollte man sie besser endgültig auflösen.

Hans C. Blumenberg