Von Rolf Kunkel

Wer sie nicht kennt, die Oase des Sports, läßt sie links liegen an der Schnellstraße Tel Aviv–Haifa entlang dem Mittelmeer. Das Wingate-Institute, Israels renommierte Sporthochschule, liegt versteckt in parkartiger Landschaft. Eine Insel im Grünen und ein Stück heile Welt in chaotischer Umgebung. Ob nach Norden oder Osten, die libanesische, syrische oder jordanische Grenze ist nur jeweils zwei Autostunden entfernt. Inmitten der Studentenheime, Hörsäle und Sportplätze ist von Terroraktionen und Vergeltungsschlägen, von Demonstrationen, Bombenexplosionen und was sonst den israelischen Alltag im Frühjahr 1976 kennzeichnet, nichts zu spüren.

Dies ist die Welt, in der Esther Schachamarov lebt. Sie führt ein Leben im Trainingsanzug, man weiß nicht genau, ob sie lebt, um zu trainieren, oder trainiert, um zu leben. Esther Schachamarov ist 24 Jahre alt und Israels populärste, weil international erfolgreichste Sportlerin. Viermal war sie Sportlerin des Jahres. Sie läuft die 100 Meter Hürden schneller als jede andere Frau in Asien. Mit 7,1 Sekunden erreichte sie in diesem Jahr über die 60-Meter-Distanz Weltbestzeit. Esther Schachamarov hat eine Medaillenchance in Montreal.

Das weiß sie, das wissen alle, die mit ihr zu tun haben. Sie wird nicht nur deshalb wie ein rohes Ei behandelt. Vor vier Jahren, bei ihrer ersten Olympia-Teilnahme, hatte sie das Halbfinale von München erreicht, das am 6. September 1972 auf dem Programm stand. In der Nacht zuvor, gegen 4 Uhr 40, kletterten fünf Männer über den Zaun des Olympiadorfes. Der Rest hat sich unauslöschlich in der Dunkelkammer der Erinnerungen eingegraben: Ein mit schwarzem Strumpf maskierter Araber, der für Sekunden auf dem Balkon des Hauses Conollystraße 31 auftauchte; die Nachricht vom geglückten Abflug der Terroristen und ihrer Geiseln sowie das böse Erwachen am nächsten Morgen – elf tote Israelis, ein deutscher Polizist, sechs Terroristen.

Anschließend die Totenfeier vor 80 000 Münchnern, auf der Israels Delegationschef Schmul Lalkin ohne ein Wort der Klage die Namen der Ermordeten verlas und der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, den vielen Tränen mit einem verbissenen „The Games must go on“ zu begegnen suchte.

Den Erinnerungen kann auch Esther Schachamarov nicht davonlaufen, schon gar nicht in der Wingate-Sportschule. Auf Schritt und Tritt begegnet sie den Spuren des Massakers von München. Die Kältekammer des Instituts, in der beim Training alle Klimazonen auf Knopfdruck simuliert werden können, erweist sich laut Hinweistafel als Spende der italienischen Zeitung „Il Tempo“ in Erinnerung an die Opfer. Ein paar Schritte entfernt steht eine vor allem mit Geldern der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik errichtete Mehrzweckhalle. Ein Denkmal aus Beton und Glas, mit Trainingshallen nur für Gewichtheber, Ringer und Fechter. Sportler aus diesen Disziplinen ließen in München ihr Leben.

Von denen, die damals überlebten, treibt nur noch Esther Schachamarov Leistungssport. Als in München der Startschuß zum 100-Meter-Hürden-Halbfinale fiel, war sie schon an Bord der El-Al-Maschine, die die Särge nach Tel Aviv flog. Vom Überfall erfuhr sie im Frauendorf am Morgen des 5. September beim Wecken. Wie alle anderen glaubte sie zunächst an einen makabren Scherz. Sie hatte sich für diesen Vormittag mit ihrem Coach Amitzur Schapira verabredet, von dem sie die Essenmarken erhalten sollte. 24 Stunden später hatte sie Gewißheit, daß auch ihr Trainer zu den Opfern von Fürstenfeldbruck gehörte.