François Bondy

Der Schriftsteller Paul Nizan war der Kamerad und Freund Jean-Paul Sartres in der Ecole Normale Superieure. Nach seinem frühen Tod – Nizan fiel fünfunddreißigjährig bei Dünkirchen – holte Sartre, allerdings erst viel später, sein Werk aus langer Verfemung. Die hatte mit der Macht der Kommunistischen Partei zu tun. Nizan hätte nach dem Hitler-Stalin-Pakt mit ihr gebrochen und wurde später von Aragon, Lefebvre und anderen Parteiliteraten als „Verräter“ und „Polizeiagent“ diffamiert. Zugleich stilisierte Sartre jedoch Seinen Freund, und zwar zweifach: als seinen politischen Mentor (denn während Nizan ein militanter Geist war, hatte Sartre der Politik wenig Interesse entgegengebracht), aber zunehmend auch als Vorbild für die reine Revolution der Jugend. Hanns Grössel hat mehrmals, am ausführlichsten in den „Akzenten“ vom Februar 1976, auf den Unterschied zwischen Sartres Nizan und dem wahren Nizan hingewiesen.

In den „Frankfurter Heften“ vom Februar schildert Walter Heist, bekannt durch sein Buch über „eine faschistische Literatur von Rang“ und durch sein, wie ich meine, wesentlicheres Werk über französische Arbeiterliteratur, einen „Modellfall Paul Nizan“. Da Hanns Grössel in seinem Aufsatz Walter Heist mit Zustimmung zitiert, mag der Leser der beiden Beiträge verdutzt sein, zwischen ihnen fast nur Gegensätze zu finden.

Grössel nennt die Existenz Nizans „exemplarisch“ und zitiert einen unveröffentlichten Brief Walter Benjamins an Max Horkheimer aus dem Jahr 1939, in welchem ein Roman von Paul Nizan unter Anerkennung seines Ranges kritisiert und Sartres Rezension dieses Romans widersprochen wird. Grosse! schließt, von Nizan lasse sich „noch heute lernen“.

Umgekehrt gilt die Übersetzung von drei Romanen und anderen Schriften Paul Nizans für Walter Heist als Modellfall einer fragwürdigen deutschen Übersetzungspolitik. Warum das? Heist nennt vier Autoren: Saint-Exupéry, Montherlant, Drieu La Rochelle, Nizan. Was mag sie wohl verbinden? „Bei näherem Zusehen vereint diese vier ein gemeinsames Kennzeichen: Sie sind Autoren, die, übertrieben ausgedrückt, einen ‚Knacks‘ haben.“ Später wird festgehalten, es sei deutsche Übersetzungspolitik, „möglichst verschwimmende Gestalten, Autoren mit ‚Knacks‘ zu veröffentlichen“. Schließlich wird zu den übersetzten Büchern Paul Nizans die Frage gestellt, die offenbar eine negative Antwort suggerieren soll: „Haben sie eine Lücke gefüllt? Ein Bedürfnis befriedigt?“

Gewiß wäre ein Schriftsteller wie Paul Nizan ohne Sartre – vor allem ohne dessen Vorwort zu Nizans „Aden Arabie“ – von deutschen Verlagen nicht dermaßen beachtet worden. Auch muß Heist zugestimmt werden, wenn er bedauert, daß hervorragende Schriftsteller jener Zeit wie Eugene Dabit und der noch lebende Louis Guilloux nicht übersetzt wurden. Doch ist das Argument mit dem „Knacks“ und das mit der „Lücke“ so bedenklich, daß auch der treffende Hinweis auf Vernachlässigtes nicht genügt, um sie hingehen zu lassen.

Eine Lücke füllen? Das ist Kritik aus der Zahnarztperspektive. Die meisten bedeutenden Romane sind keinem Verlangen entgegengekommen. Wer wartete denn auf Proust, auf Joyce? Literatur ist oft ein Angebot ohne Nachfrage, das erst nachträglich wünschenswert wird und sich seine Leser erschafft. Allerdings legt Walter Heist so strenge Maßstäbe der Bedarfswirtschaft an, daß er einmal Sartres „Die Wörter“ „überflüssig wie einen Blinddarin“ genannt hat. Auch in Frankreich gab es um 1960 kein eigentliches Bedürfnis nach Nizan. „Aden Arabie“ war vergessen und hat doch, als es wieder erschien, junge Leser begeistert, die sich darin erkannten. Wer kann mit Gewißheit sagen, was Erwartungen sind und was der rechte Augenblick für ein Buch?