...und Reagans Ruck nach vorn: Kommt es zum Duell der Außenseiter um die Präsidentschaft?

Von Dieter Buhl

In dieser Woche ist Halbzeit im amerikanischen Vorwahlkampf. Doch das Ringen der Bewerber um die Präsidentschaftskandidaturen ihrer Parteien bleibt spannend wie beim Anstoß. Seit sich der Troß der Anwärter auf das höchste Amt der Weltmacht im Februar durch die Eiseskälte von New Hampshire mühte, von dort in die Hitze Floridas zog, sich dann wieder in den kühlen Frühling des Nordens bewegte und schließlich in den warmen Süden zurückkehrte, hat auch das politische Barometer Amerikas Kapriolen geschlagen. Favoriten strauchelten, ein Unbekannter stürmte nach vorn, die Unberechenbarkeit des Wahlvolks bestätigte sich fast wöchentlich aufs neue.

Die Primaries waren anfangs nach gewohnter Art von vielen Seiten als überflüssige und teure Spielereien im Vorhof der Macht abgetan worden. Inzwischen sind sie längst wieder als unbarmherziger und folgenschwerer Ausleseprozeß anerkannt. Die politischen Sterndeuter haben bisher falsch gelegen. Ihre Vorhersage lautete: Das entscheidende Duell um die Präsidentschaft wird im Herbst zwischen dem Republikaner Gerald Ford und dem Demokraten Hubert Humphrey ausgetragen. Aber der demokratische Außenseiter Jimmy Carter und der republikanische Herausforderer Ronald Reagan haben einen Strich durch die Rechnung der Experten gemacht. Nach der Hälfte der Vorwahlen bleibt offen, welche Paarung das Finale um das Präsidentenamt bestreiten wird.

Die Schwankungen in der Wählergunst haben zumindest eines klar werden lassen: Die Amerikaner scheuen in diesem Wahljahr keine Experimente. Die Republikaner ließen sich bis jetzt wenig von den Leistungen und der Amtsautorität ihres Kandidaten Gerald Ford beeinflussen; die Demokraten haben noch keine Begeisterung für ihren Standartenträger Hubert Humphrey bekundet. Statt sich, wie erwartet, auf altbekannte Politiker zu verlassen, erwärmen sich die Wähler für neue Gesichter. Für Schlaffheit und Resignation spricht diese Haltung nicht. Eher läßt sie auf Bereitschaft zum Wagnis oder auf Mut der Verzweiflung schließen.

Die größte Überraschung der Wahlsaison bietet James Earl Carter. Er startete als krasser Außenseiter, war ein völlig unbeschriebenes Blatt, verfügte über keine Hausmacht und wurde oft belächelt. Heute lächelt der charmante Erdnußfarmer aus Georgia immer noch, aber dem Establishment der Demokratischen Partei ist das Lachen längst vergangen. Acht seiner Konkurrenten hat der 52 Jahre alte ehemalige Gouverneur schon aus dem Rennen geworfen. Bekannte Größen wie der ehemalige Vizepräsidentschaftskandidat Sargent Shriver und Senator Henry Jackson blieben auf der Strecke. George Wallace, der bei der letzten Vorwahlrunde vor vier Jahren noch Aufsehen erregte, kommt ständig unter „ferner liefen“ ein. Selbst Hubert Humphrey, der große alte Mann der Demokraten, ist dabei, die Segel zu streichen. Sein Verzicht auf die Beteiligung an den Vorwahlen läßt erkennen, daß er sich dem neuen Stern seiner Partei nicht mehr in offener Wahlschlacht zu stellen wagt.

Der Siegeswagen rollt