Die vom Zentralbankrat verfügte Erhöhung der Mindestreserven war für die Börsianer keine Überraschung. Vertreter der Bundesbank hatten in den Tagen Vorher keinen Zweifel in der Absicht gelassen, das Liquiditätsvolumen einzuengen. Auch wenn die Frankfurter Währungshüter dies nicht als Signal für eine veränderte Konjunkturpolitik gewertet wissen wollen, so weiß man eben doch, daß jetzt auch offiziell das Ende der Zinssenkung gekommen und es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann die Zinsen wieder steigen werden. Wer heute festverzinsliche Papiere erwirbt, kauft Kursverluste gleich mit. Das ist auch der Grund, warum die letzten Anleihen nur zögernd plaziert werden konnten und die ursprünglich schon für Ende April projektierte Bundesanleihe auf Ende Mai verschoben worden ist. Danach soll dann eine Bundesbahn-Anleihe folgen.

Der Aktienmarkt konnte von dem veränderten Rentenklima nicht verschont bleiben. Wie empfindlich er geworden ist, zeigen die Reaktionen auf geplante Kapitalerhöhungen. Sowohl der Bayer- als auch der Thyssen-Kurs kam ins Schleudern, als die Kapitalaufstockungen angekündigt wurden. Auch die Vorzugsaktien der Nordwestdeutschen Kraftwerke gerieten unter Druck, nachdem der Vorstand die Absicht geäußert hatte, im kommenden Jahr(!) das Kapital aufstocken zu müssen. Und wer sieht, wie wenig Anklang im Publikum die neue Deutsche Bank-Anleihe mit Erwerbsrecht von Aktien der Mercedes-Holding findet, merkt deutlich, daß die Kapitalanleger im Augenblick geneigt sind, ihre Taschen geschlossen zu halten.

Heiß wird in den Börsensälen die Frage diskutiert, ob die seit Ende 1974 anhaltende Aktien-Hausse jetzt ihren Höhepunkt überschritten hat. Der plötzliche Wiederanstieg der Kurse am Dienstag dieser Woche, ausgelöst durch einige Fonds-Käufe, läßt noch auf eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung hoffen. Bisher ist keine Aktien-Hausse bereits beim ersten Klingelzeichen beendet worden. Gewisse Anlegergruppen werden sich noch eine Zeitlang an den besseren Unternehmensgewinnen begeistern, von denen sie hoffen, daß es sie tatsächlich geben wird.

Mit dem Ende der lohnpolitischen Vernunftsphase muß jedoch neu gerechnet werden. Der Streik in der Druckindustrie wurde an der Börse sehr ernst genommen, weil die Unternehmer jetzt fürchten müssen, daß sie um die Früchte ihrer Investitionsrisiken gebracht – werden. Der wiederbelebte Verteilungskampf macht auch die jetzt zur Kasse gebotenen Aktionäre unwillig. K. W.