Virusforscher entdeckten das Spiegelbild eines fatalen Erbträgers

Von Tilman Neudecker

Wenn es stimmt, daß bestimmte Tumore durch Viren hervorgerufen werden, und zwar nicht nur bei Tieren – daran gibt es keinen Zweifel – sondern auch beim Menschen – dafür gibt es inzwischen eine ganze Reihe eindrucksvoller Indizien – dann steht die Krebsforschung nach neuesten experimentellen Befunden amerikanischer Tumorvirusforscher jetzt möglicherweise vor einem ganz entscheidenden Durchbruch auf der jahrzehntelangen Suche nach einer Lösung, oder zumindest Teillösung, des uralten Rätsels Krebs.

Es ist schlechthin faszinierend, wie schnell und erfolgreich sich die Krebsvirusforschung innerhalb der letzten paar Jahre an eines ihrer großen und für unsere Kenntnis des Phänomens Krebs vermutlich wegweisenden „Traumziele“ herangearbeitet hat – die Isolierung und Entschlüsselung jener mysteriösen Virusgene, die letztlich für die so verhängnisvolle Transformation einer Zelle in eine Krebszelle verantwortlich sind.

Alles begann mit dem sogeannten Rous-Sarcoma-Virus, einem schon zu Beginn dieses Jahrhunderts von Sir Stanley Rous entdeckten Tumorvirus, das in Hühnern und anderem Geflügel bösartige Geschwulste (Sarkome) erzeugen kann und seit langem als experimentelles Modell auch für andere Tumorvirusarten untersucht wird. 1970 hat man dann gefunden, daß es bestimmte, in ihrer genetischen Konstitution veränderte Rous-Sarcoma-Viren gibt, sogenannte ts-Mutanten, die eine merkwürdige Eigenschaft auszeichnet: Bei höheren als üblichen Temperaturen können sie sich zwar in infizierten Zellen noch vermehren, sie können die Zelle jedoch nicht mehr in eine Krebszelle verwandeln. Dies war der erste wichtige experimentelle Hinweis darauf, daß beim Rous-Sarcoma-Virus offenbar nicht die ganze genetische Information zur Tumorauslösung in Hühnerzellen nötig ist. Vielmehr scheint es einen bestimmten Genabschnitt zu geben – eben jenen, der bei temperaturempfindlichen Mutanten ausgefallen ist – der einerseits für die Virusvermehrung in einer infizierten Zelle völlig unwichtig, andererseits aber ganz entscheidend wichtig für die Fähigkeit des Virus ist, infizierte Zellen auch in Krebszellen zu verwandeln (zu „transformieren“, wie es im Fachjorgan heißt).

Ein Stück verloren

Den Stein ins Rollen brachte dann ein aufregender Befund von Michael Lai, Mitarbeiter des deutschstämmigen Tumorvirologen Peter K. Vogt von der University of Southern California in Los Angeles. Der Vogt’sche Arbeitskreis hatte Anfang der siebziger Jahre entdeckt, daß Rous-Sarcoma-Viren, die in einer Zellkultur Hühnerzellen zu Krebszellen transformieren können, sich manchmal spontan dahingehend verändern (mutieren), daß sie zwar in Hühnern noch eine Leukose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen) auslösen, aber nicht mehr fähig sind, Krebsgeschwulste zu erzeugen. Lai war es, der 1973 die erstaunliche Erklärung für diesen merkwürdigen Verlust der transformierenden Eigenschaft solcher veränderter Rous-Sarcoma-Viren fand. Leukoseviren, so entdeckte er, unterscheiden sich von den ursprünglichen Sarcomaviren dadurch, daß sie offenbar einen Teil ihrer Erbinformation, also ein Stück ihrer Nucleinsäure, verloren haben. Und er konnte zeigen, daß dieser für die Transformationsfähigkeit des Tumorvirus offensichtlich entscheidend wichtige Teil der genetischen Information zwischen 10 und 20 Prozent der in der Virus-Nucleinsäure verschlüsselten gesamten Viruserbinformation ausmacht.