Illusionen – wie Schwanensee“: so befremdlich, kritisch hat John Neumeier seine Aufführung dieses Inbegriffs des klassisch-romantischen Balletts betitelt. Soll „Schwanensee“ nun doch nicht mehr ein bloß verträumtes Märchen sein, nicht nur abendfüllende Ballett-Unterhaltung mit einer schön traurigen Geschichte um einen romantischen Prinzen, den seine Mutter am Geburtstag, zur standesgemäßen Heirat drängt, der sich aber heillos an eine Schwanenkönigin verliert?

Daß das entrückte, bei Hofe und an einem Seegestade spielende Ballett-Leben von „Schwanensee“ die psychologisch verständliche Flucht eines Menschen in den Traum sein kann, weil er mit der Wirklichkeit, mit sich selbst nicht zurecht kommt, haben schon mehrere Choreographen behauptet. Rudolf Nurejew deutete in Wien die legendären „weißen“ Akte zwei und vier, die vollkommenen Ballett-Paradiese, so: Prinz Siegfried sucht sich dort seine Ideale, uneins mit der Wirklichkeit, freudianisch gespalten zwischen Mutterbindung und womöglich homoerotisch angehauchter Jungen-Gesellschaft.

John Cranko, Lehrmeister des Hamburger Ballettchefs, sah in Stuttgart sogar eine historische Verbindung. Spielte dieses Märchen nicht in deutschen Landen und meinte es nicht den letzten tragischen Märchen-Prinzen, der sich seine Illusionen verschwenderisch aufbaute, bis in den Wahnsinn vorgaukelte in einer Kunst-Welt, die dem Ballettklassiker bis aufs Schlüssel-Motiv glich und auch am Ende des romantischen 19. Jahrhunderts entworfen wurde? Das Schloß Neuschwanstein des unglückseligen Bayern-Königs stand denn auch, von Jürgen Rose skizziert, im Hintergrund der Stuttgarter Aufführung, und Reclams Ballettführer schien es schon „reizvoll, wenn ein Choreograph einmal Schwanensee im Kostüm des Bayernkönigs und im Stil seines sich in einem Schwanensee spiegelnden Schlosses Neuschwanstein inszenieren würde...“

Nun sind John Neumeier und wiederum Jürgen Rose zum Beginn der zweiten Hamburger Ballett-Tage diesem Wunsch nicht oberflächlich nachgekommen; sie haben Prinz Siegfried nicht zu Ludwig geschminkt oder den bösen Zauberer Rotbart in den Gehrock des Irrenarztes gesteckt, die verwunschene Schwanenkönigin Odette nicht einfach in die angebetete Ludwig-Freundin Elisabeth verwandelt. Neumeier nimmt die historische Parallele auf, stülpt das Schicksal Ludwigs über die „Schwanensee“-Fabel, um wieder (wie im „Nußknacker“ und anderen Repertoire-Werken) mit einer neuen Geschichte ein scheinbar rettungslos unwirkliches Museums-Stück zum Drama zu machen, der Ballett-Legende „Schwanensee“ einen realistisch-tragfähigen Boden einzuziehen. Er läßt Max Midinet (dem König Ludwig wie aus dem Gesicht geschnitten) in Erinnerungen schwelgen und zugrunde gehen.

Die tragische Wirklichkeit tritt immer wieder vor solche Erinnerungen. Zur Ouvertüre wird der König von Lakaien in ein hohes Zellen-Gemäuer geführt; er erwacht immer wieder aus seiner Schwermut, zieht Tücher von Erinnerungsstücken – Modellen des Schlosses, einer „Schwanensee“-Bühne, einem Gemälde seiner „Königin“ – und durchleidet noch einmal, wie er sich in eine Kunstwelt, eine Lebenslüge verstrickt hat.

Also führt der erste Akt keine Geburtstagsfeier bei Hofe vor, sondern ein Richtfest vor dem Gerüst des Schlosses. Statt nobel blasser Tänze deftiges Volks-Spektakel mit Bierseideln; der König erfreut sich (fast wie Viscontis Ludwig) bei Männerspielen, Turnen, Fingerhakeln, Boxen, bevor er in das höfische Gehabe mit der ungeliebten Braut Natalie samt der herrscherlichen Königin-Mutter gezogen wird.

Neumeier hat. dem neuen gebrochenen Milieu auch ein differenziertes neues Rollen-Gefüge zugeordnet, konkrete historische Vorbilder und nebulöses romantisches Ballett verquickt. So steht der scheuen, später leidenschaftlich um den König bemühten Braut Natalie, die Persephone Samaropoulo virtuos tanzt, eine warmherzige, menschlich unkomplizierte Prinzessin Claire, verlobt mit Ludwigs Freund Alexander, gegenüber. Der König kann, wie weiland Ludwig seine Elisabeth, die Frau nicht finden, weil es die gesellschaftlichen Umstände verbieten; er findet nicht zu einer erotischen Beziehung, weil seine schicksalhafte Veranlagung dazwischen steht – hier in Gestalt eines Jungen ganz in Schwarz („der Mann im Schatten“), der immer wieder die Erinnerung durchkreuzt.