Schloß Herrenchiemsee strahlt im Glanz von 4200 Kerzen. Spiegel in goldenen Rahmen reflektieren Prunksäle und Salons bis ans Ende der Welt. Lüster und Licht verlieren sich im Unendlichen. Ludwig II. repräsentierte die Größe seines Reichs und die Gottähnlichkeit der eigenen Person in einem Gehäuse aus Marmor und Gold. Doch die Spiegel täuschen. Das Märchen aus Stuck und Glas ist nichts als schöner Schein.

Das Schloß auf der Insel im Chiemsee, ein Monument des unschöpferischen Größenwahns, ist doch ein imposantes Nachspiel feudaler Bauherrlichkeit. Der aufwendige Palast, an dem bisweilen gleichzeitig 1000 Arbeiter werkelten, verschlang in acht Jahren 16,5 Millionen Mark und wurde nicht vollendet. Der interessante Makel gibt dem Anachronismus keine zusätzliche Größe. Verwirrt durchmessen Besucher die kalten Prachten des Anachronismus keine mit Gold), des Vorzimmers (Lila) des Paradeschlafzimmers (Rot mit Gold) und des Großen Spiegelsaals mit 33 Kristallkronleuchtern und 33 Kandelabern. Zuletzt treten sie aus dem Porzellankabinett in die Backsteinwüste des südlichen Flügels.

Der kranke König hielt sein Kleinod vor der Welt verborgen. Herrenchiemsee war sein Orplid, seine köstliche Eremitage, ein Versailles, das ihm allein gehörte. Als er im Starnberger See ertrank, gab der Prinzregent das Schloß zur Besichtigung frei. Sofort setzte der bislang nicht versiegte Besucherstrom ein, Es kamen Herrscher und Poeten, Königstreue und Gaffer. Die (private) Chiemsee-Dampfschiffahrt gedieh über Nacht zum blühenden Unternehmen. Vor dem Ersten Weltkrieg setzten jährlich etwa 40 000 Besucher mit dem Raddampfer zur Insel über. Sie zahlten für die Überfahrt von Prien 60 Pfennig, ein Fünftel des heutigen Preises. Der Eintritt ins Schloß hingegen kostete damals schon drei Mark. Herrenchiemsee war vom ersten Tag an eine erlesene Sehenswürdigkeit.

Der Chiemsee, seine Inseln und Ufer sind eine weite, helle Landschaft: himmelblau und weiß wie Segel, Schwäne und Seerosen, entrückt im silbrigen Schimmer heißer Sommertage, erdnah mit dem Duft nach Leberkäs und gegrillten Renken. Auch dies ist ein wohlbemessener Zipfel vom weiß-blauen Paradies der Bayern: der See als überlegene Wirklichkeit seiner verzuckerten Postkartenphotogenität (am schönsten von Gstad).

Maler und Dichter haben den Chiemsee geliebt. Sie haben ihn wie ein Lebewesen gemalt und mit zärtlichen Worten besungen. Felix Dahn, Verfasser historischer Romane, nannte ihn den „lieben See“. Die Liebe hat seither Fortschritte gemacht. Wanderer, Brotzeitmacher und Bayernreisende können sich ihr kaum entziehen. Die Chiemsee-Dampfschiffahrt (zwölf Schiffe mit zusammen 2750 Plätzen) befördert heute jährlich rund 700 000 Menschen über den See, davon zwei Drittel zum Schloß Ludwigs, der, wenn man so will, seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus war.

Am lieben See liegen 22 Gemeinden. Er mißt 85 Quadratkilometer und hat 68 Kilometer Ufer. Er ist der größte bayerische See, genannt auch Bayerisches Meer. Ufer und Inseln haben das südliche Licht gemeinsam, die grünen Moränenhügel und die Silhouette der Kampenwand, das Lied der Nachtigallen und den Duft der Linden, die Stürme und die Sterne. Man kann an jeder beliebigen Stelle baden und ein Boot ins Wasser schieben, soweit dies durch Schilf oder Privatgrundstücke (etwa fünf Prozent der Ufer) nicht verhindert wird. An entlegenen Plätzen gibt es, wie Eingeweihte wissen, auch in der Hochsaison einsame Strände, bei Schafwaschen zum Beispiel, bei Urfahrn, Mühlen, Hirschau oder Feldwies-Felden.

Es gibt zwei Kneippsanatorien am Chiemsee (im einzigen Kneippkurort Oberbayerns: Prien), 18 Schwimmbäder, einen Golfplatz (Prien) und vier Tennisplätze. Segeln kann man in Bernau, Breitbrunn, Chieming, Grabenstätt, Gstad, Prien (zwei Segelschulen), Rimsting, Seebruck und Übersee-Feldwies sowie auf der Herreninsel. Es gibt acht Campingplätze, einen FKK-Strand und einen Sessellift (Kampenwand-Seilbahn).