In seinem ersten Bericht an den Bundestag hatte Wehrbeauftragter Berkhan kritisiert, es gebe in der Bundeswehr zu viele Mitläufer und Jasager. Durch einen Artikel der ZEIT („Berkhan hat ein Signal gesetzt. Es geht uns alle an“) fühlten sich Soldaten und Ausbilder einer Bundeswehreinheit in Braunschweig herausgefordert, Ihre Äußerungen, aus denen wir Auszüge abdrucken, belegen zumindest eines: Die Bundeswehr besteht, zum Glück, nicht bloß aus braven Mitläufern.

Die Gefreiten Klingsporn, Kremer, Henkel und Natzke stimmten im Prinzip mit der Kritik Berkhans überein: „Wir haben nach Gründen für das gegenwärtige Verhalten der Soldaten gesucht: Bequemlichkeit – Angst vor Freizeitverlust – Unwissenheit – Frustration. Viele Soldaten werden deshalb zu Mitläufern und Jasagern, weil sie die Konsequenzen, die eine Beschwerde über dienstliche Maßnahmen nach sich zieht, nicht überblicken können.

Wie Frustration, Desinteresse und Lustlosigkeit entstehen, zeigt folgendes Beispiel: Der Soldat X erhält vom Unteroffizier Y den Befehl, seinen Arbeitsplatz zu säubern. Gleichzeitig kommen Sofortanforderungen. Da sich der Soldat, der die Anforderungen bearbeiten sollte, auf der Toilette befindet, hört Soldat X mit dem Fegen auf und bearbeitet die Anforderungen. Unteroffizier Y geht zum Soldaten X, stellt ihn zur Rede und gibt ihm noch einmal den gleichen Befehl, Konsequenz: Die Anforderungen bleiben liegen, der Unteroffizier hat seine Autorität bestätigt, und der Soldat wird von sofort an den Versuch des Mitdenkens aufgeben.

Um aus dem Soldaten einen wirklichen Staatsbürger in Uniform zu machen, schlagen wir folgende Verbesserungen vor: mehr politische Information, mehr Information über Rechte des Soldaten, bessere pädagogische Ausbildung der Vorgesetzten, Versuch der Motivation durch Information.“

Gefreiter Gröhlich fand andere Gründe für das veränderte Verhalten der Soldaten: „Mir ist nicht bekanntgeworden, daß ein Soldat wegen einer Beschwerde schikaniert worden ist. Oft hilft, wenn man sich von einem Vorgesetzten benachteiligt fühlt, auch ein klärendes Gespräch. Meiner Erfahrung nach ist es nicht so, daß ein Vorgesetzter immer auf seinem Standpunkt beharrt, sondern auch Fehler seinerseits eingesteht. Daß die Soldaten sich nicht mehr so oft beschweren, liegt also auch an dem Vorgesetztenverhältnis, das nicht mehr so starr wie früher, sondern flexibler geworden ist. Man kann mit dem Vorgesetzten reden und ihn von der Richtigkeit der eigenen Meinung überzeugen.“

Viel pessimistischer waren die Schützen Linden und Skalik: „Nach unserer Meinung ist die Bundeswehr eine Armee von Mitläufern. Wenn man sich über das Zuviel an Anpassung beschwert, muß man dabei berücksichtigen, daß die Armee von der Anpassung des einzelnen an das Bestehende lebt. Es beginnt bereits bei der Kleidung: gleiche Kleidung, gleicher Haarschnitt, usw. Jeder Schritt des Soldaten ist durch eine Vorschrift geregelt. Sobald er etwas anderes macht als die Allgemeinheit, hat er meistens schon gegen irgendeine Vorschrift verstoßen.

Die Angst vor Beschwerden findet ihren Grund in der Angst vor Repressalien, Wenn man sich bei dem Disziplinarvorgesetzten über einen Gruppenführer beschwert, wird der Beschwerdegrund fast immer abgebaut. Da die Gruppenführer sich jedoch meistens schon seit Jahren kennen, hat man Angst vor Repressalien. Ob diese Angst nun berechtigt oder unberechtigt ist, sei dahingestellt, jedenfalls ist sie vorhanden.“