Wie der ehemalige Autoverkäufer Werner Erhard Millionen Amerikaner beglücken will

Von Gabriele v. Arnim

Abends neun Uhr. Seit zwölf Stunden sitze ich mit 249 anderen Seminarteilnehmern unangenehm eng aufgereiht auf harten Stühlen im Ballsaal eines großen New Yorker Hotels. Wir haben seit dem Frühstück nichts gegessen. Einmal durften wir aufs Klo gehen, einmal aufstehen, um uns zu recken. Haben wir unsere Stühle nur zwei Zentimeter auseinandergerückt, kommt gleich eine ernste Gestalt lautlos von hinten, um uns wieder in Reih und Glied zurückzuschieben.

Persönliche Bewegungsfreiheit gibt es hier nicht. Wir dürfen uns keine Notizen machen, nicht reden, nicht stricken, kein Kaugummi kauen oder Bonbons lutschen. Unsere Uhren mußten wir am Eingang abgeben, Zeitungen in der Handtasche sind verboten, einen Pullover durften, ja sollten wir mitbringen, denn die Temperaturen wechseln erheblich (von unseren Aufsehern manipuliert?). Und vor uns auf dem Podium springt ein gut aussehender, etwa 35jähriger „dress man“-Typ auf und ab und brüllt uns an: „Ihr seid Arschlöcher, ihr habt in eurem Leben bisher nur Mist gemacht, euer ganzes Leben ist doch eine Scheißlüge.“

Der einzig erlaubte Ausweg aus dieser ungemütlichen Situation ist es einzudösen. Denn das hindert nicht, mitzukriegen, was immer es hier mitzukriegen gibt. Es ist egal, ob wir Englisch verstehen oder nicht; allerdings, wer schlecht hört, soll sich in die erste Reihe setzen. Vielleicht, weil es nichts mitzukriegen gibt? „Ich glaube nicht, daß ich etwas weiß, das euch helfen könnte, wenn ihres wüßtet. Ich glaube nicht, daß ihr etwas wißt, das euch helfen könnte, wenn ihr es wüßtet.“ So orakelt nämlich Werner Erhard, der Allvater unseres Seminars.

Erhard Seminars Training (EST) ist ein Hit auf dem Psychomarkt. Hier gibt es kein gemeinsames Nacktbaden, Anfassen oder Massieren, niemand wird vom Trainer auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Das Stichwort ist „self encounter“; wir nehmen uns selbst auseinander und setzen uns selbst wieder zusammen – natürlich nur nach den strikten Anweisungen des Trainers.

Ziel des Trainings ist es, sein Selbst zu erfahren. Das Training ist nicht zu verstehen und soll auch nicht verstanden werden, man muß es nur „mitkriegen“ (get it). Und die „intellektuellen Arschlöcher“ sollen sich das besonders hinter die Ohren schreiben.