Auch in der Wirtschaftspolitik sollte eigentlich jeder Fehler nur einmal gemacht werden. Im beginnenden Aufschwung 1969 haben Bundesregierung und Bundesbank ihre Anti-Inflationspolitik neun Monate zu spät eingeleitet. Wilde Streiks, Proteste der Basis gegen die im Vergleich zu den Preisen zurückgebliebenen Löhne, zwangen damals die Gewerkschaften, ihre zurückhaltende Lohnpolitik aufzugeben. Damit begann ein langer Verteilungskampf zwischen Gewerkschaften und Unternehmern, der die Stabilitätspolitik auf Jahre hinaus zum Scheitern verurteilte.

Nach dem Arbeitskampf in der Druckindustrie sieht es fast so aus, als tapsten wir im beginnenden Aufschwung des Jahres 1976 in schlichter Einfalt in das gleiche Verhängnis hinein. Die Hoffnung, diesmal würde es ohne neuen Preisschub zu einem anhaltenden Wirtschaftswachstum kommen, ist im Getümmel des Arbeitskampfes geplatzt. Das müssen auch die Nutznießer der gewerkschaftlichen Aktion bedauern, die jetzt ein paar Mark mehr in der Lohntüte haben. Niemand möchte ja den Unternehmern mehr Geld für private Zwecke zuspielen. Aber sie brauchen jetzt mehr Geld, damit sie die vorhandenen Arbeitsplätze sichern und neue schaffen können.

Die Chancen, daß die Fehler von 1969 nicht wiederholt würden, waren diesmal nicht schlecht. Die Bundesbank ist, anders als 1969, wieder Herr der Lage, was die Geldmenge im Inland angeht – mit der kleinen Einschränkung, daß aus den Ländern des europäischen Währungsverbundes, den Schlangenländern, doch noch unerwünschte Gelder über die Grenzen kommen, weil die festen Wechselkurse, die sie noch mit Heldenmut verteidigen, zu Devisenkäufen zwingen. Dennoch: Die Summen, um die es sich da handelt – zehn Milliarden Mark während der Währungsunruhen im Februar und März –, sind beherrschbar. Währungspolitisch ist der neue Aufschwung im großen und ganzen abgesichert.

Das gilt nun leider nicht mehr uneingeschränkt für die andere gefährdete Flanke, die Lohnfront. Dabei hatte sich alles so schön angelassen. Fabriken und Maschinen waren seit einigen Monaten wieder besser ausgelastet. Die Leistung je Arbeiterstunde, die Produktivität, ist im Durchschnitt der Industrie stärker gestiegen als die Löhne. Die Lohnkosten je Produkteinheit begannen deshalb leicht zu sinken.

Dieser Prozeß wird jetzt unterbrochen. Künftig werden manche Unternehmer behaupten, daß ihre Erträge ohne Preiserhöhungen nicht besser werden. Dann wird das alte Spiel beginnen. Zuerst werden die Branchen zulangen, deren Preise während der Rezession in den Keller gegangen waren. Später werden sich auch jene nicht mehr zieren, die an sich noch auskömmliche Preise haben. Wie dann die Gewerkschaften wieder reagieren werden, ist klar.

Hatten wir das nötig? Offenbar ja. Die Autounternehmen haben schon vor Wochen ihre Preise instinktlos erhöht, die IG Druck und Papier hat instinktlose Forderungen gestellt. Solange die Tarifparteien dem Verteilungskampf nicht abschwören, muß die Bundesbank mit ihren hart wirkenden Maßnahmen für Ordnung sorgen. Hätte sie nicht jetzt schon den Sprengkörper, das bei den Banken in Wartestellung – stehende Geld, entschärft, müßte sie sehr bald wieder das ganze Haus anstecken, um ein Steak zu braten.

Rudolf Herlt