Wer in den Lesesälen großer wissenschaftlicher Bibliotheken an den Regalen der Abteilung „Geschichte“ vorbeigeht, dem fallen seit einiger Zeit vier hellblaue Bände auf:

„Handbuch der Geschichte der Böhmischen Länder“; herausgegeben im Auftrag des Collegium Carolinum von Karl Bosl; Anton Hiersemann Verlag, Stuttgart 1967–1974; 4 Bände; XXIV–637, XII–715, XI–502, XV–393 Seiten, 780,– DM.

Ein neues Handbuch zur Landesgeschichte also, sonst nichts? Wer das mühsame Geschäft des Verfassern, Herausgebens und Verlegens von Handbüchern kennt, wird allein schon die Tatsache anerkennen müssen, daß das vorliegende, über 2300 Seiten starke Handbuch im Laufe von nur sieben Jahren von der ersten bis zur letzten Lieferung publiziert wurde.

Was den Gegenstand betrifft, so war es leichter als bei anderen Territorien, deren Grenzen und Strukturen sich verändern, die Geschichte dieses Gebiets zu fassen: Mehr noch als Bayern haben die „Länder der St. Wenzelskrone“ Böhmen, Mähren und Schlesien jahrhundertelang stabile Grenzen und Gliederungsprinzipien gehabt; zu diesen sogenannten Böhmischen Ländern kam die (im Handbuch in einem Exkurs von Heribert Sturm behandelte) Reichspfandschaft Eger; für die Zeit nach 1918 wurde die Darstellung weitergeführt.

Eine der schwierigsten Fragen, vor das sich das Projekt gestellt sah, lautete: Ist nicht eine von Deutschen geschriebene Geschichte der Böhmischen Länder von vornherein in der Gefahr, in jene traditionelle nationale Apologetik zurückzufallen, die die tschechische und die mit den böhmischen Ländern befaßte deutsche Geschichtsschreibung vor 1945 und zum Teil auch danach kennzeichnete? Die Frage lag nahe, zumal die Münchner „Forschungsstelle für die Böhmischen Länder“, in deren Auftrag das Handbuch herausgegeben wurde, schon durch ihren Namen „Collegium Carolinum“ an die Tradition der 1945 aufgehobenen deutschen Universität in Prag anknüpft.

Indessen hat sich dieses Collegium durch seine umfangreiche Publikationstätigkeit seit etwa zwei Jahrzehnten als Zentrum der Bohemistik in der Bundesrepublik einen international geachteten Namen gemacht. Darum hat auch der Herausgeber über das Handbuch geschrieben: Es solle die Geschichte nicht abermals zur Untermauerung politischer Ansprüche mißbrauchen, sondern ein Informationsmittel sein, das über den gegenwärtigen Forschungsstand ohne Rücksicht auf die nationale Herkunft der verwendeten Literatur berichtet. Daß die Verfasser engagiert und nicht aus „ozeanischer Distanz“ schrieben, sei durch die Nachbarschaft von Deutschen und Tschechen begründet. Gerade diese Nähe aber verpflichte, ein solches Buch zu schreiben. Wenn nicht der Kampf der Völker das Motto sei, sondern ihre Begegnung, dann erwachse aus der kritischen, auch nationalselbstkritischen Darstellung ein „heilendes Verständnis“.

Als Nachschlagewerk ist das Handbuch dank seiner Bibliographien, seiner drei ausführlichen Register und Tabellen ein unentbehrliches Arbeitsmittel geworden, zumal in der ČSSR vergleichbare Gesamtdarstellungen fehlen. Eine aus den späten fünfziger Jahren wurde wegen ihrer allzu dogmatischen Enge gar nicht erst zu Ende geführt; eine andere wurde nach 1968 abgebrochen, und die Arbeiten für ein neues, zehnbändiges Handbuch haben gerade erst begonnen. Das Collegium Carolinum hat also Pionierarbeit geleistet. Unter Historikern in der Tschechoslowakei hat dieses Handbuch Zustimmung gefunden. Ihr Wunsch freilich, wenigstens einen Band zu besitzen, ist unerfüllbar: Das Werk kostet 780,–Mark; dieser Preis wird durch den noch ausstehenden „Ergänzungsband“ über „Gesellschaft und Kultur in den Böhmischen Ländern“ der Tausend-Mark-Grenze nahekommen.

Hans Lemberg