Von Thomas Rothschild

Die Rolling Stones sind wieder da. Doch merkwürdig: selten hat mich ein Konzert so kalt gelassen wie dieses. Welchen Grund hat es dann aber, daß ein großer Teil des Public kums in der gigantischen Frankfurter Messehalle fast zwei Stunden völlig Selbstvergessen fasziniert, entrückt wippte und zuckte? Gewiß gibt es da den harten Rhythmus, die unbestreitbar professionelle Präzision des Vortrags, da gibt es das – allerdings durch die physisch geradezu qualvolle Lautstärke beinahe unhörbar gemachte – funky Pianospiel Billy Prestons.

Da gibt es vor allem aber das Charisma Mick Jaggers. Er hat ohne Zweifel so etwas wie Ausstrahlung, wenn er da in einer Mischung von Größenwahn und infantiler Naivität mit grotesken eckigen Bewegungen über die Bühne stolziert und die Lippen wie eine Nutte ordinär zu einem Fleischtrichter schürzt. Anfangs liegt er auf dem Boden, von dem er sich im Blitzlichterhagel, ein leichtes lila Tuch schwenkend, erhebt, um sich im Laufe der Show allmählich zu entkleiden. Dann schwingt er sich einem Tarzan gleich an einem Drahtseil über das Publikum hinweg. Schließlich darf ein Pappdrache noch Konfetti speien, und Mick Jagger verschüttet, etwas hilflos, ein paar Eimer Wasser über sich und die Glücklichen der ersten Reihen.

Man muß wohl daran glauben, um in den Vorzug der Ekstase zu geraten. Die Musik schafft das nicht, denn die ist Blues von der primitivsten Art.

Am liebsten steckt sich Mick die Finger in den Mund – eine Geste, zugleich obszön und kindlich, dem daumenlutschenden Baby ebenso abgeschaut wie dem Striptease-Girl im Tingel-Tangel-Lokal. Das ist die Pose als Prinzip. Und das ist es wohl, was die Gemeinde hier sucht und findet: Die Stones sind die Legende ihrer selbst.

Diese Legende versieht sich gerne mit dem Beiwort proletarisch. Mag es sich mit dem Proletarischen noch vereinbaren lassen, daß sie gut verdienen wollen – daß sie es tatsächlich tun, unterscheidet sie jedenfalls beträchtlich vom Proletariat. Im Krisenjahr 1975 kassierten die Rolling Stones 38 Millionen Mark.

Nun konnte ich den Vorwurf einiger Moralisten gegenüber Rock-Musikern, denen eine "Masche" viel Geld einbringt, nie ganz begreifen. Offensichtlich erwarten manche, daß Musiker in einer Umgebung, die Geld zum Maßstab aller Dinge gemacht hat, im Alleingang irgendwelchen obskuren Idealen zuliebe auf jenes Geld verzichten, das nicht nur in den USA ganz wesentlich das Sozialprestige seiner Inhaber herstellt. Entrüstung findet statt nicht über eine Gesellschaft, die die Umsetzbarkeit in Geld zum obersten Wert befördert hat, sondern über jene Einzelne, die sich diesem Wert entsprechend verhalten, statt dem Anspruch zu genügen, den ein paar Weltfremde an die Kunst stellen.