Warum die FDP, die Wirtschaft und die Opposition das Berufsbildungsgesetz ablehnen

Von Frank Otte

Im Juli und August, wenn die Sommerferien beginnen, „treten sie hinaus ins Leben“, wie es die Festredner in ihrer blumigen Sprache zur Schulentlassungsfeier gern ausdrücken: Doch für über hunderttausend Jugendliche aus Haupt-, Sonder- und Realschulen beginnt das Berufsleben im Jahr 1976 mit einem Schock. Sie finden keinen Ausbildungsplatz.

Das ist aber erst die Vorhut einer Lawine von Schulabgängern, die in den kommenden Jahren keine Chance haben, einen der knappen Ausbildungsplätze zu bekommen. Denn deren Zahl stagniert auf absehbare Zeit bei etwa 340 000. Seinen Höhepunkt erreicht der Lehrstellenmangel in drei Jahren, wenn sich über 230 000 Schüler ohne einen Ausbildungsvertrag auf der Straße wiederfinden.

Diese Entwicklung kam nicht überraschend, das Dilemma war aus mehreren Gründen vorhersehbar:

• Auf den Baby-Boom der Jahre 1959 bis 1969 mußte notwendigerweise ein Schüler- und dann ein Lehrlingsberg folgen.

  • Außerdem drängen immer mehr Abiturienten, denen der Numerus clausus die Hochschulen verschließt, in Ausbildungsplätze, um die sich bisher Realschüler beworben haben. Für 1978 wird zum Beispiel mit 48 000 abgewiesenen Studienbewerbern gerechnet.
  • Und schließlich blieb die Investitionsschwäche der Wirtschaft, die von 1972 bis 1975 rund 600 000 Arbeitsplätze gekostet hat, nicht ohne Auswirkung auf das Angebot von Lehrstellen. Die Arbeitsämter registrierten 1970 noch 646000 Stellen, vier Jahre später konnten sie nur noch 261 000 melden.