Von Ludwig Harig

Entweder habe ich in meiner Schulzeit niemals unter irgendwelchen Bedrückungen gelitten, oder ich habe sie nutzbringend verdrängt. Jedenfalls weiß ich erst, seit ich Hermann Hesses „Unterm Rad“ und später Musils „Törleß“ gelesen habe, daß es so etwas Schlimmes gibt. Das war erst vor fünfundzwanzig Jahren, und damals fing ich gerade als Volksschullehrer an, selbst zu ängstigen und zu bedrücken. Zum Glück gab es Hesse und Musil, denn auf dem Seminar hatten wir kein Sterbenswörtchen von solchen Sachen gehört, und ohne diese Lektüre wäre ich womöglich treuherzig, aber doch verhängnisvoll, als Vergewaltiger von Einzelnen aufgetreten. All das kam mir wieder ins Gedächtnis, als ich jetzt las –

Jan Christ: „Asphaltgründe“, Erzählungen; dnb 70, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1976; 83 S., 8,– DM.

Die Asphaltgründe sind die Schulhöfe, auf denen die Verwirrungen zustande kommen und die Räderungen geschehen. In vier Erzählungen führt Jan Christ vor, wie offen immer noch die darwinistischen Mechanismen unsere Schulhöfe und Pausenhallen beherrschen. Nicht nur kruder struggle for life wird hier praktiziert, sondern in Erpressungen und Anbiederungen entstehen Hierarchien, innerhalb derer die Machtausübungen oft kaschiert, auch pervertiert und die Erduldungen vielfach heruntergespielt, ja selbst verleugnet werden. Die Offenheit besteht lediglich darin, daß die Gangster weithin sichtbar, aber schwer überführbar sind, weil es Bündnisse gibt, die eine Vermenschlichung der Höfe verhindern.

In Jan Christs Erzählungen gibt es das alles: den Eckensteher und Fingerdreher, die Gang, die den Hof tyrannisiert, das Gastarbeiterkind, das so beschwingt auftritt und dann vereinnahmt wird, die übertüchtige Mutter, jene Glucke, die noch jeden Lehrer verschreckt hat, es gibt den angesehenen Außenseiter und den geschmähten Feigling.

Im Mittelpunkt der Erzählungen steht Herr Stumpfnegger, der Lehrer. Es ist ein Lehrer wie viele, vielleicht wie alle Lehrer, mit allen Vorzügen und mit allen Schwächen: Christ geht so weit, ihn einen Jungen streicheln, einen anderen treten zu lassen. Soweit kann und darf zwar ein Lehrer nicht gehen, um nicht auf der einen Seite als Knabenschänder, auf der anderen als Brutalist gebrandmarkt zu werden. Aber den Typ gibt es, und zu Recht stellt der Autor seine Hauptfigur so widersprüchlich dar. Stumpfnegger ist der subalterne Beamte aus Selbstschutz: Alle Welt, Schüler und Eltern, wollen ihm ans Zeug, und die Schulaufsichtsbehörde gewährt ihm nur den Schutz ihrer Gesetze und Verfügungen, die er allerdings streng befolgen muß.

Die Aktionen unter diesem Widerspruch sind von Christ in vielen Nuancen beschrieben, was leider den Klappentexter zu Grobschlächtigkeiten veranlaßt hat. Es heißt da: „Der Lehrer Stumpfnegger denkt nicht darüber nach, keiner zwingt ihn dazu, weshalb sein Schulhof ein Asphalthof ist. Er würde, danach befragt, die bessere Übersichtlichkeit, Bestimmbarkeit und Reglementierbarkeit seines Hoflebens anführen ... Planierte Felder... reichen bis in die Didaktik eines Stumpfnegger.“