Von Rolf Vollmann

Der Titel des neuesten Buches von Arno Schmidt, „Abend mit Goldrand“, stammt von Jean Paul. In dessen „Biographischen Belustigungen“ ist einmal von einem Goldrand des Abends die Rede, den ein Dorf, von fern gesehen, nach Sonnenuntergang ablege.

Läßt man sich von Schmidt zum Lesen verführen, dann stößt man bald auf eine „knäckebrodnen Mond“, in Jean Pauls „Giannozzo“ ist der Mond ein angebissener Mohnölkuchen. Dann gehen nachts zwei Mädchen baden und tauchen so mühelos ins Wasser ein, als ginge, sagt Schmidt, das Luftmeer einfach in Wasser über – und Luftmeer ist wirklich ein Jean-Paul-Wort. (Ich weiß das zufällig, weil ich eben – der Leser weiß es, oder er weiß es nicht, aber dann soll ihn der Teufel holen – ein Buch über Jean Paul gemacht und noch den halben Kopf voll seiner Sätze habe. Andere wissen dann anderes, darum sage ich das.)

Oft wird das „Kampaner Tal“ heranerinnert, Werke anderer, vieler Dichter tauchen wie aus dem Dunkel auf, werden genannt oder auch zitiert (mit Namen, aber, auch ohne Namen), Wörter, Halbsätze, Sätze aus andern Sprachen stehen an den Rändern der Erzählung und raunen einem Halbverstandenes zu – diese ganze Prosa Arno Schmidts ist wie Geisterluft, wo aus hundert Richtungen halbvertraute Stimmen tönen; nicht alles ist deutlich, aus Gesummtem, Gesungenem und Gesprochenem mischt sich ein Geklinge zusammen, wie man es bei uns noch nie gehört hat. Aus dieser durchklungenen Geisterluft treten dann, immer deutlicher, Menschengeschöpfe heraus, ganz und gar sprachgeboren, aus nichts als Sprache gemacht –

Arno Schmidt: „Abend mit Goldrand – Eine Märchenposse“, 55 Bilder aus der Ländlichkeit für Gönner der Verschreibkunst“; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1975; 215 Typoskript-Seiten, 78,– DM.

Sprachgeborene Geschöpfe also, aus keiner gekannten Realität genommen; sie machen sich gewissermaßen selber, fast alles im Buch ist ja Redetext, und es ist begreiflich, daß sie Ungehörtes reden und Unerhörtes tun, warum sollten sie nicht. Einmal, als es über die Schule geht, sagt die fünfzehnjährige Martina zur Freundin: „... und von Proust und Sartre weiß ich so wenig, wie jener Weih dort, in den Lüft’n!“

Zweifellos, so reden keine irdischen Weiber (leider, füge ich hinzu und danke schon deshalb dem Autor), aber jetzt ist es eben sehr schön, ihnen zuzuhören, denn man glaubt ihnen jedes Wort, sie dürfen also reden, wie sie reden, und die andern, die wir so kennen, ja, die sollten es auch. Und dann am Ende kehre ich, der Leser, der gewesene Mitbewohner dieser andern Welt, in unsre zurück, mit den noch halb träumenden Sinnen des Erwachenden, gerate womöglich in den Sprachschatten junger Mädchen, und mit einem Male höre ich wirklich Dinge und Laut, in Andeutungen vielleicht nur, die vorher nicht dagewesen zu sein schienen in diesem ganz und gar nicht geheimnislosen Gemisch aus Ich und Dingen, das wir Welt nennen. Es ist etwas in der Welt, das vorher nicht in ihr war, durch ein Buch ist etwas dazugekommen, und von dem, worin man sich jetzt vorfindet, kann man nun sagen, auch wenn noch so viel Bedenkliches darin mitschwingt: dies ist das Leben, wie es im Buche steht. Schmidt, dessen theoretische Äußerungen immer so klingen, als wollte er jemanden beleidigen, sagt dazu: „Nur die Phantasielosen flüchtn in die Realität; (und zerschellen dann, wie billich, daran“.)