Von Benjamin Henrichs

Zwei Aufführungen, in denen es mehr zu sehen gibt als oft in einer ganzen Spielzeit, mehr zu erleben, mehr zu erdulden. Eine Seltenheit: Theater, über das man reden kann wie über ein Abenteuer. Auch die Entrüsteten haben diesmal viel zu erzählen – schließlich sind auch Katastrophen Abenteuer.

Zwei Regisseure, Peter Zadek und Augusto Fernandes, beide hauptsächlich am Bochumer Theater beschäftigt, haben auswärts gastiert: Fernandes hat in Frankfurt (wo er schon zweimal gearbeitet hat) Ben Jonsons Komödie „Der Alchimist“ inszeniert, Zadek hat im Hamburger Schauspielhaus, ein Jahr nach der „Wildente“, den „Othello“ gezeigt. Turbulent verliefen beide Premieren: In Frankfurt verließen die Gelangweilten, wie es am Orte der Brauch ist, spätestens bis zur Pause das Theater, in Hamburg blieben die Wütenden sitzen und machten selbst Theater: kommentierten das Bühnengeschehen mit lustigen und nicht so lustigen Zwischenrufen, begleiteten (und vernichteten) die Mordszene mit Indianergeheul – und sorgten am Ende für einen leidenschaftlichen, tumultartigen Kampf zwischen Buh- und Bravo-Rufern. Jetzt wird wieder überall das Wort „Theaterskandal“ stehen. Dabei war der Schlußkrach nur das altvertraute Ambiente einer Zadek-Inszenierung: das einzig Konventionelle an einem langen Premierenabend, der um zehn Uhr begann und nachts um zwei zu Ende ging.

Wie immer man den theaterhistorischen Sinn oder Unsinn der beiden Aufführungen bewerten mag, eines haben sie schon jetzt erreicht: Sie haben das Publikum in Bewegung gebracht. Die eine Aufführung schlägt ihre Gegner in die Flucht, die andere reizt sie zu jähzornigen Attacken.

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Ben Jonsons Komödie „Der Alchimist“ spielt in einer bösen Zeit: 1610, in London ist die Pest. Man erfährt das im Stück eher nebenbei, in einem Dialog. Fernandes’ Inszenierung macht die Todeskrankheit zu einem Hauptmotiv. Am Anfang eine fast völlig dunkle, verwinkelte Straßenszenerie: ein paar Fenster sind trüb beleuchtet, in einem tauchen plötzlich zwei kleine Puppen mit winzigen Totenschädeln auf. Dann bevölkert sich, langsam und lautlos, die Bühne, eine geisterhafte Pantomime beginnt: Zwei Meter hohe Figuren in dunklen Umhängen, mit kleinen Totenschädeln auf den Schultern, huschen durch das finstere Labyrinth und verschwinden wieder.

Dann geht das Licht an, und man blickt auf ein chaotisches Idyll. Die riesige Frankfurter Bühne ist vollgestopft mit Theaterzeug – mit Kulissen, Sofas, Statuen, Gipsköpfen, mit tausend Requisiten. Nach einer Weile der Verwirrung entdeckt man, daß dieser große Spielplatz und Abfallhaufen aus den Resten und Trümmern anderer Frankfurter Inszenierungen zusammengesucht worden ist – man sieht die krüppeligen Baumstämme wieder, die Peter Löscher und Erich Wonder für David Rudkins „Vor der Nacht“ gebraucht haben, sieht eine faschistisch-klassizistische Prunkfassade aus Hans Neuenfels’ Gombrowicz-Inszenierung („Operette“), und hinter dem Kulissenhaufen steht, fünf Meter hoch, der Pappkamerad Lenin aus Palitzschs Inszenierung von Müllers „Zement“.