WAHLJAHR 1976

Von Rolf Zundel

Bonn, im Mai

Vor Meinungsumfragen wird gewarnt! Wie immer in Vorwahlzeiten, so ist auch jetzt diese Mahnung angebracht; denn die Wähler werden in diesen Monaten von einer gewaltigen Datenflut überschwemmt. Da ist der Kanzlerkandidat so gut wie noch nie, aber der Kanzler besser als je zuvor, das Ansehen der Regierung auf einen Tiefpunkt gesunken, aber das Regierungsvertrauen stabil – zwischen Wahrheiten und Widersprüchen findet der Bürger nicht mehr durch.

Das Bedürfnis der Journalisten, Neuigkeiten zu vermitteln, der Wunsch der Parteien, ihre Politik und ihren Kandidaten im schönsten Licht erscheinen zu lassen und (im Ausnahmefall) der Wunsch eines Meinungsforschungsinstituts, ins Gespräch und ins Geschäft zu kommen, verbinden sich offenbar zu einer fatalen Allianz der Irreführung: Es werden unvollständige Momentaufnahmen eines Meinungsprozesses geliefert – aus mangelnder Fähigkeit, mit Daten umzugehen, oder in politischer Absicht.

Politische Absicht steckt gewiß dahinter, wenn die Arbeitsgemeinschaft Vierte Partei (AVP), eine Splittergruppe im Dunstkreis der CSU, mit dem Argument hausieren geht, fünf Prozent der Wählerstimmen seien ihr sicher. Sie bezieht sich dabei auf Umfragen. Über eine dieser Umfragen wurde in der „Welt“ unter der Überschrift „Meinungsforscher: Vierte Partei könnte auf fünf Prozent kommen“ berichtet: „Die AVP könnte bei den Bundestagswahlen am 3. Oktober einen Stimmenanteil von fünf Prozent erreichen. Das setzt allerdings voraus, daß die AVP auch in Bayern und Baden-Württemberg antritt. Die meisten Anhänger der AVP kommen aus diesen Bundesländern. Dies hat das Emnid-Institut bei einer Umfrage im vergangenen Monat ermittelt.“

Die Meinungsforscher von Emnid bestreiten aufs entschiedendste, daß sie all dies ermittelt haben. Sie empfehlen, ihre (auch in der „Welt“ abgedruckte) Frage genau zu betrachten. Sie lautet: „Würden Sie der Aktionsgemeinschaft Vierte Partei bei der nächsten Bundestagswahl Ihre Stimme geben, wenn diese Partei die gleichen Ziele verfolgt wie die CSU?“ In dieser Frage treten die konkurrierenden anderen Parteien ganz in den Hintergrund, nur die CSU wird ins Spiel gebracht – in der Rolle des Sympathielieferanten.