Von Heinz Michaels

Die freie Rede ist nicht seine Stärke. Wann immer Leonhard Mahlein, der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Druck und Papier, in den Streiktagen vor die Fernsehkameras trat, hielt er sich an einem Manuskript fest. Sein Vortrag ist stockend, seine Formulierungen sind ledern, ohne zündende Funken. Er ist kein Demagoge, der Menschenmassen zu unbesonnenen Handlungen hinreißt.

Dennoch: Just in einer Wirtschaftsphase, in der die meisten Gewerkschaftsführer dem Streik abgeschworen haben, führte Mahlein die Drucker und Setzer in einen Arbeitskampf, den härtesten, den diese Organisation bisher ausfocht. Führte er tatsächlich? Oder stolperte er in diesen Streik? Oder wurde er geschoben?

Eugen Stotz, der lange Jahre im Vorstand neben ihm saß, meinte einmal: „Mahlein zu steuern, ist unmöglich. Dazu ist er viel zu urwüchsig, viel zu sehr eigene, geprägte Persönlichkeit.“ Ihm selbst verbietet es seine Auffassung von Solidarität, auf solche Fragen überhaupt einzugehen.

Gleichgültig jedoch, ob er den Streik gewollt hat oder nicht – Mahlein vertrat ihn mit voller Konsequenz. Die zuständigen Gremien der Gewerkschaft hatten ihn schließlich beschlossen. Natürlich wußte er, daß dieser Streik angesichts einer Million Arbeitsloser so unpopulär war, wie kaum je ein Arbeitskampf, daß es irrational erschien, wegen einiger Zehntelprozente Lohnerhöhung – zuletzt eines einzigen Zehntelprozents („einer Schachtel Zigaretten im Monat“) – eine ganze Branche lahmzulegen und den Bürgern ihr Recht auf Information zu beschneiden.

Mahlein sieht den Streik anders: als verzweifeltes Aufbegehren gegen eine von der Technik und den Wirtschaftlichkeitsrechnungen der Unternehmen vorgezeichneten Entwicklung. Seit er 1968 Vorsitzender der IG Druck und Papier wurde, kämpft er um den Bestand und die Bedeutung seiner Organisation.

Mit knapp 160 000 Mitgliedern – das sind nur 2,2 Prozent der im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Arbeitnehmer – gehört die IG Druck zu den kleinen unter den 16 Einzelgewerkschaften im DGB. Im letzten Jahr haben sechseinhalb Tausend Arbeiter ihr Mitgliedsbuch zurückgegeben; mit einem Minus von 3,9 Prozent (DGB insgesamt 0,6 Prozent) hatte die IG Druck damit den relativ größten Mitgliedsschwund. Rationalisierung in den Druckbetrieben und Einführung neuer technischer Verfahren machen die Prognose einfach, daß die Mitgliederzahlen noch weiter schrumpfen werden. In solcher Situation kann ein Streik – wie die Erfahrung lehrt – die Reihen der Gewerkschaft zu stärken, vielleicht sogar dazu führen, daß sich die Mitgliederkartei wieder füllt. Im Jahr 1973, als die Drucker erstmals nach zwanzig Jahren wieder streikten, kamen rund 8000 neue Mitglieder, der größte Jahreszuwachs seit langem.