DIE ZEIT

Flucht in den Freitod

Das Ende eines vertanen Lebens ist immer traurig“, schrieb die Londoner Times zum Tode von Ulrike Meinhof. Dieser eine Satz zeugt von mehr Menschlichkeit und Einfühlung in die Lage der gescheiterten Revolutionärin als das „Mord“-Geschrei ihrer Gefolgschaft, das Lamento der Baader-Meinhof-Anwälte und der Versuch der Wegbegleiter des Terrors, die Bundesrepublik als faschistischen Staat zu diffamieren, weil sie sich der Gewalt mit den Mitteln des Rechts zu erwehren sucht.

An unsere Leser

Diese Ausgabe der ZEIT erreicht Sie mit Verspätung. Sie erscheint weder im üblichen Umfang noch mit allen Rubriken – 32 Seiten war alles, was sich nach der Beendigung des Druckerstreiks am Donnerstagnachmittag technisch noch bewältigen ließ.

Aufmarsch zum Wahlkampf

Wie seit langem nicht mehr hat der Bundestag in den letzten Tagen alle Höhen und Tiefen parlamentarischer Leidenschaften erklommen und durchschritten.

Demoskopie = Demagogie?

Vor Meinungsumfragen wird gewarnt! Wie immer in Vorwahlzeiten, so ist auch jetzt diese Mahnung angebracht; denn die Wähler werden in diesen Monaten von einer gewaltigen Datenflut überschwemmt.

Die häßlichen Deutschen: Weh dem, der kritisiert

Französische Zeitungsleser bekommen in letzter Zeit regelrechten Deutsch-Unterricht. „Berufsverbot“ und „Radikalenerlaß“, „Schmidt-Schnauze“ und „Schulmeister“, „Konzern“ und „Realpolitik“ – das sind Begriffe, die von den Journalisten heute ungeniert in der Sprache des Nachbarn benutzt werden.

Honeckers Brot und Spiele

Selbst an den Tagen, an denen es sonst keine deutschen Zeitungen gab, blieb die Lektüre des SED-Blattes Neues Deutschland eine stumpfsinnige Beschäftigung.

Zeitspiegel

In der Gesellschaft eines spanischen Hausmädchens und zweier Pudel erwartet die argentinische Ex-Präsidentin Isabel Peron ihren Korruptionsprozeß.

Bonn vor einer Gewissensfrage

Bundesrat und Bundestag, Bundesregierung und Bundespräsident stehen vor einer Gewissensfrage, die zur Verfassungsfrage werden kann: Das Regierungslager im Parlament und die Oppositionsmehrheit in der Ländervertretung streiten sich um jene Novelle zum Wehrpflicht- und zum Zivildienstgesetz, nach der die Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer suspendiert werden soll.

Welthandelskonferenz: Die Fronten haben sich verhärtet

Die ersten zehn Tage der UNCTAD-Konferenz in Nairobi auf der reiche und arme Länder die Weichen für eine neue Weltwirtschaftsordnung stellen wollen, um eine „faire Verteilung des Reichtum-Zuwachses“ zu erreichen, haben keine Ergebnisse gebracht.

Libanon: Keine Ruhe nach Präsidenten-Wahl

Die Wahl eines neuen Staatspräsidenten am vorigen Samstag hat dem Libanon nicht die erhoffte Ruhe gebracht. Auch in dieser Woche schossen sich linke Moslems mit christlichen Falangisten, aber auch mit den von Syrien unterstützten Palästinensern herum.

BONNER BÜHNE: Geschenk der Opposition

De parlamentarische Arbeit ist jetzt zu Ende, jetzt gibt es nur noch Wahlkampf“, meinte ein Abgeordneter, als der erste Tag der Haushaltshaltsdebatte zuende ging.

CSU: Krach in der Führungsspitze

Offener Krach herrscht zur Zeit in der CSU-Spitze. Kontrahenten sind diesmal Partei-Chef Franz Josef Strauß und sein Stellvertreter Franz Heubl, der den liberalen CSU-Flügel repräsentiert, und Bayern als Minister in Bonn vertritt.

Stockholm-Prozeß: Die Angeklagten wollen reden

Ende letzter Woche begann vor dem 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf der Prozeß gegen die vier überlebenden Teilnehmer des Attentats auf die deutsche Botschaft in Stockholm vom 24.

Sowjetunion: Breschnjew zum Marshall ernannt

Der Personenkult um den sowjetischen Parteiführer Leonid Breschnjew nimmt allmählich stalinistische Züge an. Am 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation, wurde er zum „Marschall der Sowjetunion“ ernannt; gleichzeitig wurde in Breschnjews ukrainischem Geburtsort Bronzebüste des Kremlchefs enthüllt.

Bildung ist kein Luxus

o viel scheint gewiß: Wie es in Kindergärten und Schulen zugeht, was in Betrieben und Hörsälen geschieht, sich in Forschungsinstituten und Einrichtungen der Erwachsenenbildung ereignet, wird in den nächsten Monaten des Wahlkampfes eine zentrale Rolle spielen.

Das Chaos ist poetisch

Zwei Aufführungen, in denen es mehr zu sehen gibt als oft in einer ganzen Spielzeit, mehr zu erleben, mehr zu erdulden. Eine Seltenheit: Theater, über das man reden kann wie über ein Abenteuer.

Schöpferische Neurose

Zwei Höhepunkte erreichte Sigmund Freud nach dem Urteil seines Biographen Ernest Jones in den gleichen Jahren: den Höhepunkt seiner schöpferischen Leistung und den Höhepunkt seiner Neurose.

Kritik in Kürze

Fünfzehn Seiten aus einem „längeren Prosa-Buch“ von Friederike Mayröcker („In ihrer Fiebrigkeit“), ein trauriger Huldigungs-Text an die Mayröcker von Ernst Jandl und Zeichnungen von Jandl („Denken“), ein Hörspiel von Gerhard Rühm („Räuberhauptmann Grasel“), Prosa von Hermann Schürrer („Die letzte Internationale“), Zeichnungen und Foto-Sequenzen stehen im Zentrum des Jubiläumsheftes der von Otto Breicha herausgegebenen Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik, Protokolle“.

Ausflug ins Luftmeer

Der Titel des neuesten Buches von Arno Schmidt, „Abend mit Goldrand“, stammt von Jean Paul. In dessen „Biographischen Belustigungen“ ist einmal von einem Goldrand des Abends die Rede, den ein Dorf, von fern gesehen, nach Sonnenuntergang ablege.

Nachrichten

Den Numerus clausus will die SPD, wenn sie die Bundestagswahl gewinnt, schon 1977 in allen Studiengängen bis auf Medizin abschaffen.

"Faust" - Film für die Bühne

Goethes "Faust" – ohne Pakt und Wette, ohne Blutbund und Pudel, dafür mit nicht nur einem, sondern drei Studenten, nicht nur einem, sondern einem Dutzend "Lieschen" am Brunnen und – zum ersten Mal in der Aufführungsgeschichte von Goethes Weltgedicht – mit Gretchens Mutter und ihrem Beichtvater.

Rudolf Kempe

Die großen Werke der Romantik waren ihm, die liebsten. Seine „Ring“-Interpretationen, mehr aber noch seine Aufführungen der Werke von Richard Strauss setzten Maßstäbe.

Alvar Aalto

„Sein Werk“, schrieb der Italiener Leonardo Mosso über Alvar Aalto, „ist ein Protest gegen alles, was ‚Modernität‘ an Dummheit, Unnatürlichkeit, Technizismus und Improvisation enthält.

Prüde aller Länder

Am 20. Mai wird in der Eremitage, Leningrads berühmten Museum, eine Ausstellung „Grafik aus Hamburg“ eröffnet. Gezeigt werden 119 Arbeiten von 12 Künstlern.

So reich und doch so arm

Der Bund wird in diesem Jahr über 164 Milliarden Mark ausgeben – die Zahl sei nur deshalb genannt, weil sie während jener merkwürdigen, vier Tage dauernden Veranstaltung, die sich Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestages nannte, kaum erwähnt wurde.

Der programmierte Schock

Überrascht sein konnte wahrlich niemand. Seit Monaten verkünden die Mineralölgesellschaften in der Bundesrepublik in ganzen Anzeigen-Breitseiten nicht nur, wie nützlich, unverzichtbar und gut sie doch sind.

„Wir wissen, wenn was faul ist“

Die Küstenlobby hatte Erfolg. Monatelang wurden die aus dem Norden stammenden Abgeordneten des Deutschen Bundestags von einschlägigen Unternehmen und Betriebsräten der Werftindustrie gedrängt, der notleidenden Branche zu helfen.

Arbeitskampf: Hilfe aus der Etappe

Die Bemerkung des Arbeitgeber-Präsidenten Schleyer, die gesamte Unternehmerschaft werde ihren vom Streik in der Druckindustrie betroffenen Kollegen „materiell und ideell“ helfen, hat die Frage aufgeworfen: Wie geht eine derartige Aktion eigentlich vor sich? Schleyer warf in diesem Zusammenhang nur das Stichwort „Schutzgemeinschaft“ in die Debatte und erwähnte damit ein Instrument, mit dessen Hilfe die Arbeitgeber Streiks zu überstehen versuchen, die das Abwehr-Potential eines Wirtschaftszweiges übertreffen.

Der Streik und seine Folgen

Der bisher schwerste Arbeitskampf in der Druckindustrie ist am vergangenen Donnerstag zu Ende gegangen. Am 13. Streiktag einigten sich der Bundesverband Druck und die IG Druck und Papier darauf, daß die rund 145 000 Beschäftigten der Druckindustrie vom 1.

Wohin die Mark wandert

Viele Jahre lang wurden die Bundesbürger mit Schlagzeilen wie „Ausverkauf in Germany“ oder „die amerikanische Herausforderung“ geschockt.

Aus Unternehmungen

Die Handelsbank in Lübeck bietet ihren Aktionären für 1975 eine von sieben auf acht Mark erhöhte Dividende an. Die Rücklagen sollen um 1,5 (1,2) Millionen dotiert werden.

Die Renditen steigen wieder

Die von der Bundesbank angeordnete Stillegung von mehr als vier Milliarden Mark, die von den Kreditinstituten künftig zusätzlich als zinslose „Mindestreserve“ hinterlegt werden müssen, führte prompt zu den von den meisten Fachleuten befürchteten Folgen.

Wenn der Doktor kommen muß...

Ihre Dienste, so resümierte 1973 das Monatsmagazin Capital sind "nicht mehr gefragt". Unternehmensberater hatten, so schien es damals, "die Zeit des großen Geldverdienens" hiner sich.

Skandal hinter Doppeltüren?

Ist auch die Bank von England nicht mehr „so sicher wie die Bank von England?“ Diese Frage bedrängt manchen Briten, seit die Zentralbank zugegeben hat, daß im eigenen Hause untersucht wird, ob Mitarbeiter gegen die Devisenkontrollen verstoßen haben.

Rückzug auf Raten

Die Industriellen-Dynastie kann bei der Expansion des Stahlkonzerns finanziell nicht mehr mithalten

Manager und Märkte

Toni Schmucker argumentiert neuerdings mit überirdischen Bedingungen. Die Autopreise, so sagte der VW-Chef, will Wolfsburg 1976 nicht noch einmal erhöhen – „wenn der Himmel nicht einstürzt“.

Trostpreise für Reiche

Die Briten können den Gürtel vorläufig nicht lockern: Nach dem neuen Lohnpakt, den die Labourregierung und maßgebliche Gewerkschaftsführer abgeschlossen haben, können sie für die nächste Lohnrunde (Lohnphase zwei), nur mit einem Plus von (bezogen auf die Effektivlöhne) etwa sechseinhalb Prozent rechnen.

Teuerung im Tank

Superbenzin ist zur heißen Ware geworden. Der ADAC will künftig regelmäßig seine Qualität kontrollieren, nachdem viele Proben, die er jüngst an inländischen Tankstellen entnommen hatte, bei der Laboruntersuchung schwere Mängel zeigten.

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