Von Marion Gräfin Dönhoff

Seit Jahren wußte jedermann, daß der Nahe Osten mit seinen riesigen Ölvorräten ein begehrtes, von beiden Supermächten umworbenes Gebiet ist. Aber daß plötzlich wich Afrika in die tödliche Rivalität einbezogen Verden könnte, hat niemand vorausgesehen. Was ist der Grund für diese unerwartete Entwicklung?

Wenn man die weißen Politiker im südlichen Afrika fragt, dann sagen sie: „Ganz klar, die Russen haben es auf unsere unermeßlichen Bodenschätze abgesehen – Südafrika besitzt 70 Prozent der Weltreserven an Gold, 75 Prozent aller Reserven an Chrom, die größten Vorkommen der Erde an Platin, Mangan, Uran.“ Zugegeben, es wäre ein verlockendes Ziel für Moskau, den Westen von diesem potentiellen Reichtum abzuschneiden, aber daß dies das entscheidende Motiv für die sowjetische Aktivität im Jahr 1976 ist, ist doch wohl ein Irrtum.

Für den Europäer, der diesen Teil der Welt bereist, stellt sich die Kausalkette ganz anders dar: Der Rassismus der Weißen im südlichen Afrika hat den allmählich immer stärker werdenden Nationalismus der Schwarzen provoziert. Dieser Nationalismus wird von den Weißen ganz einfach und ohne jedwede Differenzierung als Kommunismus abgestempelt und mit äußerster Härte bekämpft.

Die Schwarzen reagieren darauf mit Angst, Ärger und Feindseligkeit. Aus der Tatsache, daß sie unterdrückt werden und der Kommunismus verfolgt wird, wächst ihnen die Erkenntnis, daß die Interessen der Afrikaner und der Kommunisten identisch seien, denn: „Die Feinde meiner Feinde sind meine Verbündeten.“ Eine Faustregel, die sie durch die Befreiung Angolas nun auch noch praktisch bestätigt sehen. Von Marxismus oder gar marxistischer Theorie wissen sie mit Ausnahme derjenigen, die, wie Mozambiques Chef Samora Machel, außerhalb des Landes ausgebildet wurden, so gut wie nichts.

Außer Landes sind viele gegangen, weil sie zu Hause, eben wegen der Rassegesetze, nichts werden konnten. Aus Südwest sind seit Mitte der sechziger Jahre, so schätzt man, etwa 10000 meist jüngere Leute weggegangen. Sie haben sich draußen der Unabhängigkeitsbewegung SWAPO angeschlossen, die Zweigstellen in Europa, Amerika und in Schwarzafrika unterhält. Aus Rhodesien sind ebenfalls 6000 bis 10 000 junge Afrikaner über die Grenze ins nachbarliche Mozambique hinübergewechselt. Sie werden dort in Terroristenlagern ausgebildet.

Diese Entwicklung ist durch die Gesetzgebung Südafrikas nicht nur begünstigt, sondern, fast könnte man sagen, ausgelöst worden. Die Suppression of Communism Act ist das Gesetz, das die juristische Handhabe für Verhaftungen. und Verbannungen verdächtiger Personen liefert – wofür übrigens keine Begründung gegeben zu werden braucht und zuvor auch kein Verfahren durchgeführt worden sein muß. Es bietet ferner die Möglichkeit, kirchliche und studentische Gruppen, überhaupt jedwede Organisation für ungesetzlich zu erklären und aufzulösen, Veröffentlichungen zu verbieten und Bücher auf den Index zu setzen – heute bereits 22 000 Titel.