Von Werner Dolph

Die Februar-Titelseite des Magazins „New York“ zeigte ihn in Pudelgestalt. Inmitten von Partygewühl beißt er einer heftig dekolletierten Dame in den Finger. Text: „Capote beißt die Hand, die ihn ernährte.“ Die Mai-Ausgabe von „Esquire“ bildet ihn schwarzgewandet ab, mit Schlapphut und dunkler Brille, ein Stilett in der Hand, vorgeblich zum Nagelreinigen. Text: „Capote schlägt wieder zu!“

Pudelmonster und Finstermann ist Truman Capote, enfant terrible der Partygesellschaft, Schriftsteller, Produzent einer engagierten Reportage mit Literaturanspruch („Kaltblütig“, 1965), Exzentriker, neuerdings Filmdarsteller (in Neil Simons „Murder by Death“), Einkommensmillionär und Homoerotiker, unwiderstehlich in der Gabe, andere zum Reden zu bringen – schon „Frühstück bei Tiffany“ war eine Warnung. Der Biß in die ernährende Hand heißt „Erhörte Gebete“ („Answered Prayers“). Bisher sind davon drei Vorabdrucke in „Esquire“ bekannt.

Nahezu unbeachtet war im Juni 1975 der erste Textauszug geblieben: „Mojave“ war die Geschichte eines alten blinden Masseurs, den seine Frau brutal verläßt, als er am Ende ist. Das erinnerte an frühe Erzählungen Capotes, Berichte über das Wolfsleben am Rande der Wolfsgesellschaft, nicht frei von sozusagen sachlicher Sentimentalität. Daß „Mojave“ Teil eines ins Enzyklopädische anwachsenden Romans war, ahnte nicht einmal „Esquire“.

Sofort Skandal hingegen machte im vorigen November die zweite Kostprobe. Titel der 13 OOO-Worte-Detonation: „La Côte Basque, 1965“, kurz LCB 65. Für den New Yorker war das keine Anspielung auf die Gegend zwischen Saint-Jean-de-Luz und Santander, sondern ein Ort kulinarischen Genießens im Schnitt von 55. Straße und Fifth Avenue: Henry Soulés Eßparadies. Dorthin, zum Lunch, lädt den Erzähler, welcher hier Jonesy heißt, die Lady Ina Coolbirth. Was sie an Klatsch über Jonesy ergießt, füllt die zehn Magazinseiten von LCB 65.

LCB 65 nannte die namhaften Namen. Andere, die Capote verändert hat, wurden an der Gerüchtebörse gehandelt. Den Meister Soule freilich konnte als Zeugen keiner befragen: Wie andere, die in LCB 65 noch infernalisch lebendig sind, war er ins Jenseits entrückt.

LCB 65 wurde zum gesellschaftlichen und literarischen Großereignis durch die Kombination von Qualität und Gegenstand. Frau Kennedy-Onassis findet sich beschrieben als Dame, die aussieht wie von einem Damen-Imitator dargestellt. Sie und Schwester Lee Radziwill erscheinen der Lady Ina als „Geisha-Girls der westlichen Welt“. Vater Kennedy verführt die Schulfreundin seiner Tochter im Gästezimmer. Gloria Vanderbilt heißt Gloria Vanderbilt di Cicco Stokowski Lumet Cooper und war mit all diesen Herren verheiratet. Einige erkennt sie auf Partys schon nicht mehr wieder. Freundin Carol rät Schauspielerehemann Walter Matthau, als er sich nach dem Alter eines Flirts erkundigt, er möge der Dame doch die Beine abschlagen und Jahresringe zählen. Ein Filmsternchen wechselt vom Sohn zum reicheren Vater und erregt dessen Mißfallen durch außereheliche Beziehungen zu Schäferhunden. Ein jüdischer Geldfürst und Präsidentenberater hat es abgesehen auf die „haustierhifte“ Gattin eines „ehemaligen New Yorker Gouverneurs“; Grund seines Begehrens: Sie gehört der für Schwarze, Iren und Juden unzugänglichen Rasse der weißen angelsächsischen protestantischen Oberschicht an („WASP“). Eine andere Lady, nach erfolgreichem Feldzug im ehelichen Besitz eines reichen Erben, erschießt diesen straflos unter dem Vorwand, ihn nächtlich für einen Einbrecher zu halten. Inzwischen ist die Dame, die diese Dame gerüchteweise sein könnte, im wirklichen Leben tot. Sie hat sich eine Woche vor dem Erscheinen des Capote-Reports das Leben genommen. Endlich ein Kollege, sagen die Kollegen, der mit Büchern noch Wirkungen erzielt. Eines natürlichen Todes ist die hinter der Gouverneursgattin vermutete Gouverneursgattin Harriman gestorben. Ihr als emanzipationswilliger Präsidentenberater in Betracht kommender Partner hält sich hingegen noch voll am Leben. In einem Interview bezeichnete er Capote als Ex-Freund.