Von Klaus Peter Schmid

Paris, im Mai

Französische Zeitungsleser bekommen in letzter Zeit regelrechten Deutsch-Unterricht. „Berufsverbot“ und „Radikalenerlaß“, „Schmidt-Schnauze“ und „Schulmeister“, „Konzern“ und „Realpolitik“ – das sind Begriffe, die von den Journalisten heute ungeniert in der Sprache des Nachbarn benutzt werden. Das rechte Massenblatt France-Soir genierte sich nicht, die Überschrift „Deutschland erwache“ auf deutsch zu drucken, und die kommunistische L’Humanité tischte ihren Lesern die unübersetzte Schlagzeile „Deutschland über alles“ auf. Diese unvollständige, aber typische Auswahl zeigt, wovon gegenwärtig das deutschfranzösische Verhältnis beherrscht wird: von Mißtrauen und Unverständnis.

Vor allem seit dem letzten, erfolglosen Europa-Gipfel in Luxemburg genügt ein unüberlegtes Wort aus deutschem Mund, um französische Überempfindlichkeit zu provozieren. Der jüngste Anlaß: ein Interview des Bundeskanzlers im Fernsehen des Bayerischen Rundfunks. In Wahlkampflaune verkündete Helmut Schmidt, es gebe überall dort „kommunistische Parteien von Gewicht, wo mit Gewalt und Kraft auf Jahrzehnte hinaus die alten Verhältnisse festgeschrieben worden sind: in Portugal, in Spanien, in Italien, in einem gewissen Maße in Frankreich, das durch den Gaullismus geprägt war“. De Gaulle auf einer Stufe mit Salazar und Franco, dazu noch als Verhinderer sozialen Fortschritts – das mußte fast automatisch heftige Reaktionen bei einer Regierung auslösen, deren Premierminister Gaullist ist.

Jacques Chirac ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, seinerseits den Bundeskanzler hart anzufassen. Eine Anfrage des gaullistischen Abgeordneten Billotte kam ihm gerade recht, um sich als treuer Diener des Generals zu profilieren: „Die Erklärungen, die Sie erwähnen, haben bei den französischen Autoritäten erstaunen hervorgerufen – ich benutze dieses Wort aus diplomatischen Gründen. Neben dem, was Sie sagten, darf man nicht vergessen, daß auf Initiative General de Gaulles 1963 die Gespräche aufgenommen wurden, die zum deutsch-französischen Vertrag führten, dem Deutschland das Ende der Isolierung verdankt, in der es steckte... Es ist also nicht die Aufgabe Schmidts, derart unüberlegte Erklärungen abzugeben.“

Doch der Kanzler beließ es nicht bei diesen Bemerkungen, die in Paris wie ein Keulenschlag gewirkt haben. In einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Time versicherte er, kommunistische Minister in Rom oder Paris seien „nicht zwangsläufig eine Katastrophe“. Verständlicherweise haben die Pariser Regierungsparteien nicht vor Begeisterung Beifall geklatscht. Als dann noch Präsident Giscard d’Estaing erklärte, Frankreichs Armee müsse auf das Niveau der Bundeswehr gebracht werden, wurde dies als sein ausdrücklicher Wunsch interpretiert, auch innerhalb Westeuropas ein Gleichgewicht zu wahren. Zumindest für die französische Presse stand damit fest: Zwischen Giscard und Schmidt hat sich ein tiefer Graben aufgetan. Verzweifelt versuchte das Elysée, die Affäre herunterzuspielen: die deutsch-französische Zusammenarbeit sei die „unentbehrliche Grundlage allen Fortschritts für Europa“.

Solche Versicherungen werden von den Franzosen zur Zeit eher als Pflichtübung betrachtet. Denn seit ein paar Monaten ist eine wachsende Skepsis gegenüber dem deutschen Partner zu spüren, nicht nur auf der äußeren Rechten und Linken. Zwei Entwicklungen in der Bundesrepublik haben dieses Unbehagen gefördert: