Von Jürgen Werner

Nur daran, wie er einem nach dem Spiel die Hand drückt, erkennt man, ob er zufrieden war oder nicht“ – Uli Hoeness beschreibt mit diesen Worten Reaktionen eines Trainers, der es wie kein anderer in seiner Branche verstanden hat, mit leisen Tönen auf die Pauke zu hauen. Kaum hatte Dettmar Cramer Anfang 1975 sein Amt bei Bayern München angetreten, versuchte er zwischen der Scylla der laufenden Europapokalspiele und der Charybdis erfolgsgewohnter Vereinsmanager einen neuen Kurs zu steuern. Deutschlands teuerste Fußballmannschaft – monatlich kostet sie etwa 1/2 Million Mark – war am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte und wurde in der Meisterschaftsrunde schließlich nur zehnter.

Damals war es fast eine existentielle Frage für den Verein, ob die Mannschaft den schon 1974 gegen Athletico Madrid in Brüssel zum erstenmal errungenen Titel des Europameisters verteidigen würde. Im Finale gegen Leeds United (2:0) gelang dies „Wunder von Paris“, wie Dettmar Cramer es heute nennt. Denn noch nie wurde das Wort „Der Bessere soll gewinnen“ durch ein Ergebnis wie das von Paris stärker ad absurdum geführt. „Übrigens hatte ich schon vorher meinen Vertrag verlängert, so daß meine Aufbauarbeit selbst im Falle eines Mißerfolges nicht beendet gewesen wäre“ – Dettmar Cramer hält sich nicht mit Überlegungen auf, die für ihn bewältigte Vergangenheit bedeuten.

Schließlich hatte er zum erstenmal mit fast wissenschaftlicher Akribie diese Mannschaft auf einen Gegner eingestellt und vorbereitet. Filmmaterial, Analysen jedes einzelnen gegnerischen Spielers mit Bewegungsabläufen und Tricks sowie Taktik und Tempo der einzelnen Mannschaftsteile waren den Spielern Bayern Münchens eingehämmert worden: Strategie eines Systematikers. Dabei mußte zunächst nur diese Schlacht gewonnen werden, der Krieg gegen die lustlos und lauffaul gewordenen saturierten Spieler konnte erst danach beginnen. „Die spielten im Training immer 6 gegen 2. Du weißt, daß bei technisch perfekten Spielern dabei keiner zu laufen braucht. Heute haben sie wieder Lust am Laufen, und unsere Mittelfeldspieler Dürnberger, Roth, Kapellmann rennen alle in Grund und Boden.“

Dabei mußte er vor dem Europapokal-Endspiel in Glasgow gegen St. Etienne (1:0) – dem dritten innerhalb von 3 Jahren also – den Trainingsfleiß sogar bremsen. „Beckenbauer erzählte mir nach dem letzten Training, er habe ein geringeres Gewicht als bei der Weltmeisterschaft 1974, nur 72 Kilogramm nämlich. Du weißt ja selbst, was das bei Spielern mit solcher Konstitution bedeutet.“ Von Beckenbauers Gewicht bis zu Schwarzenbecks seelischer Verfassung reicht Cramers Kontrolle. Als dieser gegen den HSV in Hamburg in der vergangenen Woche nicht spielen konnte und in München krank im Bett lag, veranlaßte der Trainer die älteren, erfahrenen Spieler wie Maier, Müller und Beckenbauer, ihn zu unterschiedlichen Zeiten zu Hause anzurufen, um ihm zu sagen: „Wir brauchen dich gegen St. Etienne. Werd’ schnell gesund!“

Ein Gegner, den Dettmar Cramer schon vor einem Jahr im Halbfinale des Europapokals gegen seine Mannschaft kennengelernt hatte. Schon damals war die französische Mannschaft ein unbequemer Gegner gewesen, der auch gerne das schon erwähnte Finale in Paris bestritten hätte. „Doch diesmal waren sie noch viel stärker. Die beiden Verteidiger und Flügelstürmer haben sich um Klassen verbessert. Die Mannschaft lebt wie eine Familie und hat in Herbien einen ehemaligen französischen Nationalspieler als Trainer, der alle Kniffe selbst kennt“ – Dettmar Cramer dozierte eine Viertelstunde über diese Mannschaft, als ob er ihr Trainer sei – ein Besessener des Fußballs.

Je zweimal sahen die Spieler von Bayern München Filme der vorangegangenen Europapokalspiele von St. Etienne gegen Glasgow und Eindhoven, ein Freund Cramers in Rußland sprach mit dem Trainer von Dynamo Kiew, die Mannschaft, die ebenfalls gegen St. Etienne ausschied. Dieser gab eine Analyse seiner Spiele gegen die Franzosen. Co-Trainer Olk sah die französische Mannschaft dreimal bei Punktspielen in Frankreich, Cramer selbst war in St. Etienne – vorbereitende Anatomie einer gegnerischen Mannschaft. Jeder einzelne Münchner Spieler wußte seit 14 Tagen, gegen wen er spielen würde, wann und wie. „Gedanklich muß jeder seinen Gegenspieler erfaßt und bekämpft haben. Organisch waren bei allen die Voraussetzungen optimal. Die Entscheidungen im Spiel trifft dann jeder selbst, wobei der Franz (Beckenbauer) ein klares Bild haben muß, wie der Gegner operiert und dann auf dem Platz Anweisungen geben kann.“ Solche Vorbereitungen und die exakte Einstellung aller Spieler auf dieses Spiel, ihr Wille, jene Theorie in die Praxis umzusetzen und – fairerweise muß man das wohl sagen ein wenig Glück waren die Grundlage für den erneuten Erfolg.