Der durch die Mindestreservenerhöhung hervorgerufene Schock scheint überwunden. Zwar hat sich der Prozeß der Zinsneuorientierung in den letzten Tagen noch fortgesetzt. Für den Aktienmarkt kamen von dorther jedoch keine störenden Einflüsse mehr. Seine Tendenz wird einerseits von der Furcht einer weiteren Geldverknappung durch die Bundesbank bestimmt, andererseits aber auch durch die sich bessernde Konjunktur und die sich in vielen Bereichen erholenden Unternehmensgewinne. Das niedrigere Niveau – in der Vorwoche waren die deutschen Aktienkurse auf den bisher tiefsten Stand in diesem Jahr gesunken – hat zu neuen Anlagekäufen geführt und damit auch zu einer Kurserholung. Es gibt aber keinen Zweifel: Die deutsche Börse ist anfälliger geworden, empfindlich auch gegenüber politischen Störungen, von denen anzunehmen ist, daß sie mit dem Näherrücken des Bundestagswahltermins noch zunehmen werden.

Die meisten Börsenexperten gehen davon aus, daß sich die Aktienkurse in den nächsten Wochen "seitwärts" bewegen werden, sich also keine klare Tendenz durchsetzen wird. Das wird wohl auch für die Bank-Aktien gelten. Sie haben darunter zu leiden, daß die Kreditinstitute aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in der Lage sein dürften, ihre Supergewinne des Jahres 1974 zu wiederholen. Deshalb erfolgt ein allgemeines "Umsteigen" in Papiere solcher Unternehmen, bei denen 1976 bessere Gewinne sicher sind. Dazu gehört die Großchemie. Bei Siemens gibt es keinen solchen Gewinnoptimismus. Deshalb werden Siemens-Aktien auch fühlbar unter den diesjährigen Höchstkursen notiert.

Bei den Maschinenbau-Aktien ist die Kurskorrektur nach unten offensichtlich übertrieben worden. Hier gab es zu Beginn der Woche Erholungserscheinungen. Gut im Markt liegen weiterhin die Aktien der Elektro-Versorgungsunternehmen, hier vor allem die des RWE. Auto-Aktien haben ihre Anziehungskraft verloren. Dahinter steckt die Furcht, daß der gegenwärtige Absatzboom seinen Höhepunkt überschritten hat. K. W.