Bei geschlossenen Augen stellt sich das etwas unerfreuliche Gefühl einer bewegten Seefahrt ein. Es schüttelt und schlingert. Windstärke vier bis fünf? Möglich wäre es. Aber der Metroliner Nummer 108 durchpflügt keine Wellen, er bewegt sich auf dem reichlich schütteren Gleisbett der Strecke zwischen Washington, D.C., und Philadelphia, Pennsylvania.

Eine Eisenbahnfahrt in Amerika, die ist nicht mehr ganz so lustig, aber immer noch interessant. Früher, als die eleganten und komfortablen Züge verkehrten, war es ein Vergnügen, den Kontinent auf dem Schienenwege zu durchqueren. Dann glich das Reisen mit dem Zug jahrelang einem nervenaufreibenden Abenteuer, immer überschattet von der Frage: Fährt er oder fährt er nicht? Heute versucht Amtrak, die staatlich subventionierte Dachorganisation, die Bahn wenigstens in den Landstrichen mit größerer Bevölkerungsdichte zu einem funktionierenden Gebrauchsgegenstand zu machen. Die Route entlang der Ostküste zwischen der Bundeshauptstadt und Boston ist eine der Paradestrecken.

Die Bahnhöfe offenbaren den neuen Einsatz am deutlichsten. Viele Jahre standen sie wie Dinosaurier aus einer Zeit unbändiger amerikanischer Mobilität zu Lande in den Zentren der Städte: gigantisch, überflüssig und zum Aussterben verdammt. Heute wird den meist monumentalen Bauten wieder neues Leben eingehaucht. Ein wenig alter Glanz ist zurückgekehrt. Läden und Imbißstuben sind in Betrieb, vor allem aber strömen wieder Menschen durch die riesigen Bahnhofshallen.

Dennoch scheint der Aufwand in keinem Verhältnis zum Passagieraufkommen zu stehen. Die Union Station Washington beispielsweise, hat die baulichen Dimensionen eines wichtigen Verkehrszentrums, aber sie ist Ausgangspunkt von nur rund 40 Zügen täglich.

Die meisten verkehren in Richtung Norden – nach Baltimore, Philadelphia, New York und Boston. Es sind die Metroliner mit komfortablen Waggons, mit bequemen Sesseln und Snackbars oder Speisewagen. Sie haben das Bahnfahren wieder populär gemacht. Ihre Route entlang der Ostküste offenbart kein Panorama der Naturschönheiten, eher ermöglicht sie eine Fahrt durch das Alltags-Amerika. Viele große Städte säumen die Strecke. Mitunter werden Wälder oder Heidegebiete passiert. Sehr oft aber kommen die Schattenseiten einer Wohlstandsgesellschaft in Sicht: Abfallhalden.

Schönheitsbesessene Touristen werden bei einer solchen Fahrt kaum auf ihre Kosten kommen. Aber Geschäftsreisende, die schnell ein paar hundert Meilen hinter sich bringen wollen, werden die relativ niedrigen Fahrpreise, den Komfort und Service der Metroliner zu schätzen wissen. Nach ein paar Drinks von der Zugbar werden sie auch das Schaukeln und Schlingern nicht mehr bemerken. Dieter Buhl